Vermittlung Magazin

Ein stiller Grandseigneur auf den Wellen des musikalischen Meeres

Ein Nekrolog auf Henri Dutilleux (1916–2013)

"La musique souvent me prend comme une mer!

Vers ma pâle étoile,

Sous un plafond de brume ou dans un vaste éther,

Je mets à la voile."

(Charles Baudelaire, Les Fleurs du Mal, La Musique)

 

In den Taumel um den Geburtstag Richard Wagners, welcher gestern rund um die Uhr von der Musikwelt begangen worden ist, drang von dessen Hausverleger Schott mit sanften Klängen eine traurige Nachricht: der französische Komponist Henri Dutilleux ist im Alter von 97 Jahren verstorben.

 

Ein stiller Komponist, wie der Titel dieses Nachrufes evoziert, scheint ein Paradoxon darzustellen. Doch mit dieser Wortwahl ist das Markante des Wesens dieses Künstlers in knappster Weise zusammenzufassen. Nicht nur, dass er der Welt ein höchst kompaktes, doch nicht minder dichtes Oeuvre hinterlassen hat, nein, er fiel auch selbst durch nicht sehr viel mehr auf als durch das. Er wurde trotz Bekanntschaften zu deren Mitgliedern nie Mitglied der Groupe de Six, und während sich die junge Avantgarde in Darmstadt und Donaueschingen nach einem hoffnungsvollen Neustart für die Neue Musik gegenseitig in Mauerkämpfen zu zerfleischen begann, war er nicht dabei. Anders als die jüngeren Pierre Boulez oder Karlheinz Stockhausen hielt er sich mit schriftstellerischen Selbstinterpretationen und Manifesten bis auf wenige Ausnahmen zurück. Er folgte nicht „experimentellen“ Wegen, wie denen der Strukturalisten, und stellte sein Werk auch nicht unter eine katholische Mystik, wie dies sein Landsmann Olivier Messiaen tat. Seine Musik, die von Farbe, Form und Harmonie lebt, wie dies Roger Nichols im Guardian festgestellt hat,1 und die ihn in seiner Bedeutung zwischen Messiaen und Boulez stellt, lebte von seiner Liebe zur bildenden Kunst und Literatur. Zu seinen Anregern sind Vincent van Gogh, Charles Baudelaire und Marcel Proust zu zählen. Dabei war ihm stets klar, dass das ware Mysterium der Kunst in deren Entstehungsprozess lag – was schließlich alle Künste vereint.   

 

Am 22. Jänner 1916 in den Wirren des Ersten Weltkriegs geboren wurde, seine junge Musikerkarriere wie die von vielen seiner Zeitgenossen durch den Zweiten Weltkrieg behindert. Als Gewinner des "premier Premier Grand Prix" [sic!] des Musikpreises Prix de Rome mit der Kantate L’anneau du roi 1938 musste er seinen Aufenthalt in der Villa Medici in Rom vorzeitig bei Kriegsausbruch beenden. Der Schüler von Henri Büsser und Maurice Emmanuel war daraufhin als Pianist, Arrangeur und Musiklehrer sowie Leiter des Chores der Pariser Oper tätig, um nach Beendigung des Krieges bis 1963 in führender Position beim ORTF (heute Radio france) zu arbeiten. Von 1961 bis 1970 lehrte er als Kompositionsprofessor an der École Normale de Musique de Paris, sowie ab 1970 am Conservatoire National Supérieur de Musique. Der Großenkel des Malers Constant Dutilleux und Lehrer von Gérard Grisey, dessen Schaffen von bedeutendsten Musikern aufgeführt wurde, erhielt 2005 den Ernst von Siemens Musikpreis.

 

Als eigentümlich ist sicherlich sein Verhältnis zu seinen vor der als Opus 1 bezeichneten Klaviersonate (1946–1948) entstandenen Werken zu bezeichnen. Alles, was vor diesem für seine nachmalige Frau Geneviève Joy geschriebenen Solostück entstand, wollte er "verdrängt" wissen. Offenkundig entsprachen diese noch stark von seinen Vorbildern Ravel, Debussy und Roussel beeinflussten Werke wie die Sonatine (1943 - für Flöte und Klavier) nicht mehr seinen nunmehr gewandelten Standards.

 

Als so still sein Gesamtwesen zu beschreiben ist, so zurückhaltend war auch sein Kompositionsstil. Es ist schwer, diesen zu beschreiben oder gar zu klassifizieren. Grundfesten seiner Arbeitsweise waren das Spiel mit orchestralen Texturen, komplexe rhythmische Modelle, eine Neigung zu einer "Tonalität", welche sich zwischen "Atonikalität" und "Modalität" bewegt, und eine Liebe zu reversen Variationen. Die Mischung dieser Elemente macht unter Hinzunahme eines sparsamsten Mitteleinsatzes die Musikwerke dieses Perfektionisten zu höchst filigranen, ja beinahe als zerbrechlich zu bezeichnenden Objekten, zu Geweben Spitzenstoffen, Tüll oder delikaten Schmuckstücken vergleichbar.

 

Aus seinem nur kleinen von ihm anerkannten Oeuvre ragen vor allem seine beiden Sinfonien, die Orchesterstücke Métaboles (1964) und Timbres, espace, mouvement ou la nuit etoilée  (1976–78), die Liederzyklen Deux sonnets de Jean Cassou (1954 – für Bariton und Klavier) und Correspondances (2003 – für Sopran und Orchester) wie auch die beiden Nicht-Konzerte Tout un monde lointain (1967–1970) und L'arbre des songes (1979–1985) heraus. Die beiden letzteren, Solokonzerte für Violoncello bzw. Violine, welche nicht als solche vom Komponisten bezeichnet worden  sind, entstanden als Auftragswerke für Mstislav Rostropovich und Isaac Stern. Ebenso hat Dutilleux, ein Liebhaber des Liedes und der französischen Chansons, auch für die Stimme der amerikanischen Sopranistin Renée Fleming geschrieben.                           

Typisch für Henri Dutilleuxs Schaffen, vielleicht sogar sein Höhepunkt, ist sicherlich das fünfsätzige Tout un monde lointain. Jeder Satz dieses Konzertes hat an seinen Anfang ein Baudelaire-Epigraph gestellt. Die Worte des französischen Dichters aus den Fleurs du mal, die von Jean-Paul Sartre als objektive Vereinigungen von Sein und Existenz2 gedeutet worden sind und von Walter Benjamin als Poesie aus der Krise der Lyrik und des Lyrikers gedeutet wurden,3 dienen hier als musikalische Stichwortgeber. Dutilleux, Bewunderer Baudelaires,4 hatte sich stets dagegen geweigert, dass die Musik als Illustration der Texte verstanden würde. Vielmehr hat er sich wohl vom starken visuellen Eindruck (die Verbindung zu seiner Liebe zur bildenden Kunst wird dadurch evident) der dort vermittelnden Bilder zu einer Auseinandersetzung mit diesen anregen lassen. Hervorzuheben ist hier der vierte Satz: Miroirs. Sichtlich in Anlehnung an die franko-flämischen oder niederländischen Meister des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts, wie auch an Johann Sebastian Bachs Chorälen und dessen Fugen-Werken, formte er in den Worten von Caroline Potter, "a tour de force of musical shapes which are symmetrical around either the horizontal or the vertical axis."Wenn man so möchte, also eine Erzählung der Quadratur des Kreises unter Zuhilfenahme der Lyrik Baudelaires. Tatsächlich: ein filigranes Klanggewebe für Cello und Orchester.

 

Durch den Tod Henri Dutilleuxs am 22. Mai 2013 verliert die Musikwelt einen unkonventionellen, wie gleich auch auf verschiedenen Ebenen stillen und einzigartigen, sich und seiner Eigenwilligkeit treuen Grandseigneur. Mit den Worten Charles Baudelaires (aus: La Mort des Amants): "Un soir fait de rose et de bleu mystique,/Nous échangerons un éclair unique,/Comme un long sanglot, tout chargé d'adieux;//Et plus tard un Ange, entr'ouvrant les portes,/Viendra ranimer, fidèle et joyeux,/Les miroirs ternis et les flammes mortes."

 

Simon Haasis



  1. Vgl. Roger Nichols: "Henri Dutilleux obituary", in: The Guardian, 22. Mai 2013, http://www.guardian.co.uk/music/2013/may/22/henri-dutilleux, 23. Mai 2013.  
  2. Vgl. Jean-Paul Sartre: Baudelaire. Ein Essay (1946). Mit einem Vorwort von Michel Leiris. Übersetzt von Beate Möhring. Neu herausgegeben und mit einem Nachwort von Dolf Oehler, in: Ders., Schriften zur Literatur, Band 1 (= Ders., Gesammelte Werke. In Zusammenarbeit mit dem Autor und Arlette El Kaim-Sartre herausgegeben von Traugott König), Reinbek bei Hamburg 1986, 114. 
  3. Walter Benjamin: "Über einige Motive bei Baudelaire", in: Ders., Illuminationen. Ausgewählte Schriften. Ausgewählt von Siegfried Unseld, Frankfurt am Main 1977, 185, jetzt als Walter Benjamin: Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus (op. posthum, unvollendet), in: Ders., Abhandlungen. Herausgegeben von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Band 2 (= Ders., Gesammelte Schriften. Unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem herausgegeben von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Band I), Frankfurt am Main 1991, 607.  
  4. Dies äußerte er beispielsweise im Interview mit mezzo im Rahmen der Reihe mezzo voce aus dem Jahre 2010 in Paris, vgl. http://www.mezzo.tv/mezzo-voce/henri-dutilleux, 23. Mai 2013. 
  5. Vgl. Caroline Potter: Art. „Dutilleux, Henri”, in: Grove Music Online. Oxford Music Online, http://www.oxfordmusiconline.com/subscriber/article/grove/music/08428, 23. Mai 2013.