Vermittlung Magazin

Lukas Haselböck (Hg.): Klangperspektiven

Rezension

Die Publikation Klangperspektiven, herausgegeben von Lukas Haselböck, bietet eine schriftliche Fassung einiger Vorträge des Symposiums "Klangperspektiven", das 2009 an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien stattfand. Teilweise wurden diese erweitert, teilweise Beiträge neu verfasst bzw. übersetzt, ein transkribiertes Gespräch zwischen Chaya Czernowin und Stefan Jena ist ebenfalls im Band abgedruckt.

 

Einem Vorwort von Lukas Haselböck und einem einleitenden Kapitel von Arno Böhler, der eine (philosophische) Reflexion über das Hören bietet, folgen zwei große Themenblöcke: ein kürzerer, "Analyse", sowie ein weitaus längerer, "Komposition / Musikwissenschaft" genannt.

Im "Analyse"-Teil werden einige Facetten der sogenannten Spektralmusik erörtert, wobei geschichtliche und theoretische Aspekte die Auseinandersetzungen beherrschen. Drei Beiträge (von Gianmario Borio, Denis Smalley, Christian Utz/Dieter Kleinrath) widmen sich diesem Thema mit sehr unterschiedlichen Zugängen: Borio erläutert die Vorgeschichte der Klangkomposition, Smalley schreibt über Spektromorphologie, und Utz/Kleinrath bringen konkrete Beispiele: Klang und Wahrnehmung bei Varèse, Scelsi und Lachenmann lautet der Titel ihres Beitrages, womit nicht nur KomponistInnen der Gegenwart, sondern auch „Klassiker des 20. Jahrhunderts“ (Haselböck, S. 8) behandelt werden. Der gesamte "Analyse"-Teil bietet eine gute Einführung in die Thematik und bereitet die LeserInnen auf den zweiten großen Block vor.

 

Im "Komposition / Musikwissenschaft"-Teil ist durchgängig ein Muster bemerkbar: Je einem Text eines Komponisten/einer Komponistin der Gegenwart folgt die musikwissenschaftliche Betrachtung eines oder mehrerer seiner/ihrer Werke. Dieses Konzept erweist sich im Laufe des Lesens als sehr gewinnbringend, da erst ein Eindruck von der Gedankenwelt des/der Musikschaffenden vermittelt wird, und dessen/deren Werke dann sozusagen "von außen" betrachtet werden. Als LeserIn ist es daher gut möglich, Vergleiche zwischen den Textpaaren herzustellen und die Argumentationen nachzuvollziehen. Gekonnt eingesetzte Illustrationen und Notenbeispiele unterstützen das Vorstellungsvermögen und erleichtern das Verständnis der teilweise sehr stark analytischen Textpassagen.

 

Ein weiterer Vorteil dieser Gliederung ist es, dass die Lektüre nicht zu trocken erscheint – zwischendurch sozusagen Berichte aus der Praxis geboten zu bekommen, lockert auf und bietet die für das Verständnis der theoretischen Auseinandersetzungen notwendigen Zusatzinformationen.

Allgemein bezieht sich die Publikation großteils auf die sogenannte Spektralmusik, was man angesichts des generellen Themas leicht vermuten mag. Es wird aber auch ein Streifzug durch verschiedene Stile geboten ­– von der französischen musique spectrale bis zu deren Nachfolgern bzw. jenen, die sich in der Tradition der recherche musicale und/oder der Klangforschung sehen. Lukas Haselböck weist in seinem Vorwort darauf hin, dass er keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben wolle, sondern dass es ihm auf zwei Dinge ankomme: "die Berücksichtigung unterschiedlicher ästhetischer Positionen" und "die Darstellung von Zusammenhängen" (S. 8).

 

Formal verfügt das Buch über viele positive Aspekte: Dass Anmerkungen in den Fußnoten und nicht als Endnoten zu finden sind, erleichtert das Lesen ungemein. Die Gliederung ist gut nachvollziehbar und die Tatsache, dass Zitate im Text deutsch, und oft – falls dies nicht die Originalsprache ist – in den Fußnoten in der ursprünglichen Diktion abgedruckt sind, ist sehr förderlich für den Lesefluss.

 

Ein kleiner negativer Aspekt mag hier erwähnt sein: Im Beitrag von Rozalie Hirs (Zeitgenössische Kompositionstechniken und OpenMusic: Murails Le Lac) sind einige Grafiken zu sehen, die – wie das ganze Buch – in Schwarzweiß gehalten sind. Sie bezieht sich in ihren Ausführungen vor allem zu Beginn des betreffenden Abschnittes aber auf die Farbversion, weshalb man an der betreffenden Stelle ihren Gedankengängen nicht ohne weiteres folgen kann. Dieses kleine Manko trifft aber nur auf eine halbe Seite zu, was vernachlässigbar ist – vor allem deshalb, weil diese für das Verständnis des gesamten Artikels nicht äußerst maßgeblich ist.

 

Insgesamt ist die Publikation empfehlenswert für MusikwissenschaftlerInnen wie auch Musikschaffende, so das theoretische Hintergrundwissen vorhanden ist. Voraussetzung für eine gewinnbringende Lektüre ist es, über Spektralmusik und ihren historischen Kontext bereits informiert zu sein – andernfalls könnte das Lesen des Buches als eher anstrengend erscheinen, denn als Einführungsbuch in die Spektralmusik kann und will es nicht bezeichnet werden; zu Recht, denn dies ist die Aufgabe von musikwissenschaftlichen Handbüchern und Lexika.

 

Sabine Töfferl

 

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