Vermittlung Magazin

Musikprotokollarisches Wochenende I

"aufführungspraktische Änderungen vorbehalten"

Im Zuge des steirischen herbstes, eines der ältesten Festivals für zeitgenössische Kunst, fand in Graz vom 6. – 9. Oktober 2011 das musikprotokoll des Österreichischen Rundfunks statt. Dem ORF gelang es, sich mit dieser Programmschiene für zeitgenössische Musik fest im Spielplan des steirischen herbstes zu etablieren und schuf mit dem musikprotokoll einen nicht wegzudenkenden Fixpunkt im Programm jenes traditionsreichen Festivals.

 

Im Rahmen des ORF musikprotokolls 2011 gastierten am vergangenen Wochenende herausragende Ensembles und Orchester wie das Klangforum Wien, das ORF Radio- Symphonieorchester Wien und das ensemble recherche in der Helmut-List-Halle in Graz. Diese wurde vom 7. – 9. Oktober zur Pilgerstätte für Anhänger der zeitgenössischen Musik, da hier zahlreiche Werke von Komponisten zur Aufführung kamen, die sich dem höchst komplexen Genre der zeitgenössisch-avantgardistischen Musik verschrieben haben. Jene Kompositionen, die an diesen drei Tagen aufgeführt wurden, hätten zum Teil nicht unterschiedlicher sein können und boten für die HörerInnen ein breites Spektrum an Klängen, Geräuschkonzeptionen und Klangnuancen. 

 

Gerald Reschs (A) Werkeinführung zu seiner Komposition Collection Sertiist ein passendes Beispiel für einen Aufdruck, der uns bei Programmheften immer wieder ins Auge sticht: "Programmänderungen vorbehalten"; hier in etwas abgewandelter Form und in Abänderung des Wortlautes: "aufführungspraktische Änderungen vorbehalten". Reschs Werkeinführung impliziert eine gänzlich andere Hörerwartung, die dann schlussendlich bei der Aufführung des Werkes nicht erfüllt wird. Beruhend auf der Instrumentensammlung des fiktiven ungarischen Schriftstellers Oskar Serti, einer Sammlung von Musikinstrumenten, die nur zu bestimmten Anlässen und in Vitrinen gespielt werden darf, sollten – laut Resch – 14 Musiker, räumlich verteilt, nach und nach in Vitrinen steigen und ohne Koordination eines Dirigenten zu spielen beginnen. In weiterer Folge sollten sie ohne Taktkonzeption aufeinander reagieren bzw. miteinander interagieren, bis sich die Komposition letztlich zu einem kompakten Ensemblestück verdichtet. Dennoch waren ein Dirigent, keine Vitrinen und sehr wohl eine gewisse Taktkonzeption vorhanden, an denen sich die einzelnen Musiker orientierten. So wirkte Reschs Werk nicht wie eine Form der Aktionskunst, wie es die Werkeinführung vermuten lässt, sondern wie eine durchkonzipierte Komposition mit gewissen freien Passagen. Gernot Reschs Komposition Collection Serti ist durchaus ein gelungenes und hörenswertes Werk, welches in den "zusammen-geführten" Abschnitten einen pulsierend-schwebenden Charakter aufweist, der allerdings rhythmisch determiniert ist, ohne sich gänzlich aus den tonalen Sphären zu entfernen.

Ein weiterer herausragender Programmpunkt war Agata Zubels (PL) Komposition Aphorismen on Milosz. In der auf Textfragmenten des polnischen Dichters Czesław Miłosz beruhenden Komposition gelang es Zubel, jene daraus entstandenen sieben Musikfragmente gekonnt zusammenzuführen und zu einer Einheit zu verbinden. Hierbei ist auch die herausragende Leistung der InstrumentalistInnen des Klangforum Wien hervorzuheben, die durch den gekonnten Einsatz spieltechnischer Eigenheiten den über weite Strecken dominierenden perkussiven Charakter jener Komposition gelungen umsetzten. Zubels Werk basiert auf scharf-dissonanten bis perkussiven Klanggebilden, die mehr oder weniger als Geräuschkulisse fungieren und in weiterer Folge der Komposition häufig ihre Auflösung finden. Agata Zubel ist nicht nur Komponistin, sondern auch Sängerin und gilt in jenem Metier als eine der führenden Interpretinnen zeitgenössischer Musik. Auch in Aphorismen on Milosz vermag sie durch ihre brillante gesangliche Leistung zu überzeugen. Sie setzt ihre Stimme jedoch nicht solistisch ein, sondern fungiert hier als ein Instrument in einem Orchester; eingebettet im Ensemble, schafft sie es, mit anderen Instrumenten bzw. Instrumentalgruppen zu interagieren und kreiert dadurch nahtlose Übergänge zwischen vokalen und instrumentalen Passagen. Zudem setzt Zubel ihre Stimme sparsam ein, die im Gegensatz zum perkussiv-geräuschhaften Ensemble eher statisch und schlicht wirkt. Sie beschränkt sich auf wenige stimmliche Effekte, wie die gelegentliche Überartikulation von Konsonanten bzw. Zischlauten und die Dehnung von Vokalen. So umgeht Zubel in ihrem stimmlichen Part den Vorwurf der Effekthascherei und schafft es, dennoch gleichberechtigt neben dem Instrumentalensemble zu "musizieren". 

 

Michael Bertha