Vermittlung Magazin

Ernst Who???

Musikvermittlung am Ernst Krenek Forum Krems  

BEST PRACTICE
Veronika Großberger

studierte Musik/Theaterwissenschaft in Wien, Kulturmanagement in London und Fotografie in Graz und arbeitete bei diversen Konzertveranstaltern (Jeunesse, styriarte). Derzeit ist sie für das Musikvermittlungsprogramm des Ernst Krenek Forum verantwortlich. Außerdem ist sie Stipendiatin der „Masterclass on Music Eduction“ der Körber-Stiftung in Hamburg.

www.krenek.at 

"Krenek ist in der breiten Öffentlichkeit wahrscheinlich am ehesten als ,Ernst who?’ bekannt", schreibt Glenn Gould, einer der glühendsten Verehrer des österreichischen Komponisten. „Krenek bleibt vielen ein Rätsel, weil seine Musik trotz des immensen Umfangs keine so charakteristische Sprache wie die eines Hindemith, Britten oder Schostakowitsch besitzt", kommentiert Glenn Gould in seiner Festschrift für Krenek weiter. Kreneks Karriere als Komponist gleicht einer Hochschaubahn: 1927 avancierte er mit Jonny spielt auf zu einem der erfolgreichsten und berühmtesten Komponisten Europas, bald darauf aber kam es zum Tiefschlag: 1933 wurden seine Werke in Deutschland verboten, ein Jahr darauf vereitelte eine Nationalsozialistische Gruppierung die Aufführung von Karl V. – der ersten Zwölftonoper der Musikgeschichte – an der Wiener Staatsoper. Nach seiner Emigration nach Amerika konnte er also bereits auf ein bewegtes Leben zurückblicken und begann seine opulente Autobiografie Im Atem der Zeit zu schreiben. Die weiteren dreiundfünfzig Jahre seines Lebens verbrachte er größtenteils in Kalifornien, wo er als Lehrer, Komponist und Dirigent arbeitete.

Er beschäftigte sich zeitlebens mit den neuesten Strömungen der Musikgeschichte, fand aber dennoch nie ganz den Anschluss an die europäischen Avantgardisten. Heute steht Krenek eher im Schatten der Komponistengeneration, die Anfang des 20. Jahrhunderts geboren wurde. Das mag unter anderem daran liegen, dass er sich nie eindeutig – wie zum Beispiel Schönberg – einer Stilrichtung verschrieben hatte.


Das Ernst Krenek Forum

 

Es ist Aufgabe des Ernst Krenek Forum, das Leben und Werk von Ernst Krenek transparenter zu machen und wieder ins Blickfeld der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts zu rücken. Die Ausstellung "Ich hab’ von dem fahrenden Zuge geträumt …" im Ernst Krenek Forum in Krems dokumentiert das facettenreiche Leben und Werk des 1900 in Wien geborenen und 1991 in Palm Springs/USA gestorbenen Komponisten. Das Motto "Ich hab’ von dem fahrenden Zuge geträumt" greift die erste Zeile des Gedichts "Erlebnis" von Karl Kraus auf, das Ernst Krenek in seinem Liedzyklus Durch die Nacht op. 67 vertonte. Gleichzeitig symbolisiert das Zitat Kreneks Leben als Getriebener und Vertriebener, der zwar in den USA ein neues Zuhause fand, aber keine neue Heimat.
Die Lebensstationen der Ausstellung bieten den Besuchern die Möglichkeit, den geistigen und künstlerischen Kosmos Ernst Kreneks kennenzulernen – und mit ihm markante gesellschaftliche, politische und musikgeschichtliche Eckpfeiler des vergangenen Jahrhunderts.
Das Ernst Krenek Forum versteht sich aber nicht nur als Präsentationsraum des Schaffens und Wirkens von Ernst Krenek, sondern auch als lebendige Plattform für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Und das kommt nicht von ungefähr: Der Komponist kristallisierte sich im Laufe seines Lebens als hervorragender und vor allem unkonventioneller Musikpädagoge heraus, der seine Schüler mit Engagement und Verve zu unterstützen vermochte.

Krenek bewegte sich stilistisch am Puls der Zeit und behielt seine musikalische Neugier bis zu seinem Lebensende. Auch in diesem Sinne soll nun das Erbe von Krenek in den Musikvermittlungsprojekten weitergetragen werden.

 

ernst. – Das Musikvermittlungsprogramm

 

Krenek bediente sich neoklassizistischer, dodekaphoner, serialistischer, elektronischer und aleatorischer Elemente und repräsentiert so einen Großteil der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Das Musikvermittlungsprogramm, welches sich hauptsächlich an Schulen (für Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren) richtet, nimmt die Musik Kreneks als assoziativen Ausgangspunkt, um mit Einzelbausteinen zu spielen, um Kompositionsstile zu erklären, um das musikalische Material weiterzudenken und die TeilnehmerInnen zu eigenen Ideen zu animieren. Der Brückenschlag zum Hier und Jetzt ist dabei nicht mehr weit: Eine wesentliche Rolle übernehmen in den Workshops zeitgenössische Komponistinnen, die ihre eigenen Werke vorstellen und mit Kindern und Jugendlichen komponieren. Aber auch andere Kunstformen wie Tanz oder Live-Animationen fließen in die Vermittlungsarbeit des Ernst Krenek Forum mit ein, um jungen Menschen eine große Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten zu bieten. Das entspricht auch ganz Kreneks Auffassung: Er selbst sah sich nicht nur als Komponist, sondern auch als Schriftsteller und Librettist und versuchte sich sogar im bildnerischen Bereich.

Es hat sich im Laufe der letzten Jahre herauskristallisiert, dass die zeitlich verdichtete Form des Arbeitens am fruchtbarsten und sinnvollsten für alle Beteiligten ist. Daher bietet das Ernst Krenek Forum in erster Linie Workshops an, die an fünf aufeinanderfolgenden Tagen jeweils 2–5 Stunden (je nach Altersgruppe) stattfinden. Am Ende dieser Workshopwochen steht eine Präsentation – mehr Bestandsaufnahme des kreativen Prozesses als Konzert.
Ziel der Vermittlungsarbeit ist einerseits naturgemäß das Werk Kreneks in die Öffentlichkeit hinauszutragen, andererseits das musikalische Wahrnehmungsspektrum junger Menschen zu erweitern und ihr kreatives Potenzial des Musikerfindens erst einmal für sich zu entdecken. Das Ernst Krenek Forum arbeitet in den Workshops mit unterschiedlichen methodischen Herangehensweisen: das musikalische Material kann ebenso als Ausgangspunkt dienen wie außermusikalische Themen, die auch in Kreneks Leben eine große Rolle spielten (Heimat, Identität, Emigration etc.).


Derzeit bietet das Ernst Krenek Forum folgende Workshops an:

 

SciFi
Workshop für improvisierte Musik und Live-Animationen

 

Zukunftsvorstellungen und -phantasien spielen in allen Künsten eine Rolle, immer wieder drücken Menschen ihre Ideen von zukünftigen Lebensformen aus. Der Komponist Ernst Krenek war mit besonders rasanten Entwicklungen auf dem Gebiet der Instrumentation konfrontiert, weil sich die kompositorische Arbeit durch die Einbeziehung von Strom in den Instrumentenbau (E-Gitarre, Synthesizer) radikal verändern ließ. Auch Krenek selbst beschäftigte sich mit elektronischer Musik und schrieb dazu futuristische Geschichten. Diese Arbeit wird als Ausgangspunkt für die Workshopwoche genommen. Beginnend mit einer Ideensammlung erarbeiten die Schülerinnen und Schülern in Kleingruppen Videosequenzen zum Thema Science Fiction und erfinden parallel dazu Musik. Als Klangquelle wird alles verwendet, was klingt, Musikinstrumente gleichermaßen wie Papier, Steine, verschiedene Gegenstände, die von den SchülerInnen aufgenommen und danach in einem Audio-Schnittprogramm zusammengesetzt werden.

 

Die drei Mäntel des Anton K.
Tanzworkshop

11. Oktober 1937: Ernst Krenek geht auf Tournee in die USA. Mit im Gepäck: Auszüge aus Franz Kafkas Tagebüchern. Als Krenek wenige Monate später – diesmal sieht er sich gezwungen Österreich zu verlassen – ein zweites Mal nach Amerika aufbricht, schreibt er die surrealistische Novelle Die drei Mäntel des Anton K.. In diesem Vexierspiel einer Identitätssuche spiegelt sich Kreneks unsicheres und emotional angespanntes Dasein als Emigrant. Die Frage nach Identität steht auch im Zentrum jeder Entwicklungsphase des Menschen. Gerade im Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen ist die Definition des Ich und der Bezug zum gesamten sozialen Umfeld wesentlich. Die ChoreographInnen Katharina Weinhuber und Markus Bruckner werden mit den SchülerInnen ihren künstlerischen Zugang zu dieser Novelle erarbeiten und dabei auch dem eigenen Ich im Spiegel begegnen. Musikalische Passagen aus Kreneks Werk werden dabei ebenso vertanzt wie kleine Eigenkompositionen der Schülerinnen und Schüler.

 

Musik bewegt
Musik- und Tanzworkshop

Gemeinsam mit dem Institut für kreative Medientechnologie in St. Pölten entwickelt das Ernst Krenek Forum derzeit eine Software, die Bewegungen in Klänge umsetzen kann. Es ist geplant, in Zusammenarbeit mit einer Choreographin und einem Komponisten ein Konzept zu erarbeiten, in dem musikalische Parameter wie Dynamik, Metrum, Tonhöhe etc. (in Anlehnung an den Serialismus) und deren Abstufungen tänzerisch dargestellt und diese Bewegungen gleichzeitig wieder in Musik umgewandelt werden können. Als Ausgangspunkt dienen dafür Kreneks serialistische Werke, die er ab den 50er Jahren in den USA in unbeirrbarer Konsequenz verfolgte.

 

Klang Körper Klavier
Klavierworkshop

Kaum ein anderes Instrument hat im 20. Jahrhundert eine derartige Erweiterung in der Herangehens- und Spielweise erlebt wie das Klavier.

Viele KomponistInnen folgten dem Erfinder John Cage: Er widmete sich der detaillierten Erforschung des Klavierkorpus mit all seinen verspielten Klangmöglichkeiten. Mit seinen Kompositionen definierte er die musikalischen Funktionen des Klaviers völlig neu. So auch Ernst Krenek mit seinen Elf Klavierstücken op.197, die in Anlehnung an Cage komponiert wurden. Die Workshopleiterin Elise Mory wird gemeinsam mit den Schülerinnen das Potenzial dieses höchst komplexen Instruments entdecken und den Mut wecken, über den Tastentellerrand hinaus zu zupfen, zu klopfen und der Körperlichkeit des Klaviers mit der eigenen zu begegnen.


Wie erfinde ich Musik?
Kompositionsworkshop  

 

Wenn wir etwas malen, ist alles ganz einfach: wir entscheiden uns für Buntstift oder Kreide, Papier oder Karton. In der Musik ist die Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Material fast nicht vorhanden, weil wir die musikalischen Elemente, mit denen wir arbeiten könnten, meistens noch gar nicht kennen. Krenek hat sich in seiner Musik sehr vieler unterschiedlicher Stile bedient. Die Musikvermittlerinnen Veronika Grossberger und Elise Mory greifen zwei sehr gegensätzliche Kompositionsformen Kreneks, die Zwölftonmusik und die Aleatorik, heraus, erkunden zuerst mit den Schülerinnen und Schülern das Material und erarbeiten dann auf spielerische Weise und mit visuellen Hilfsmitteln eigene kleine Musikstücke.

 

 

Alle Workshops für Schulen sind kostenlos zu buchen.

Informationen zum Musikvermittlungsprogramm des Ernst Krenek Forum finden Sie unter www.krenek.com oder bei Veronika Grossberger, T+43/2732/7157013 oder v.grossberger@krenek.com