Vermittlung Magazin

Nancarrow und Ligeti

Eine musikalische Verwandtschaft

ESSAY
Jürgen Hocker

Nach dem Studium der Chemie Tätigkeit in der Forschung. 1982 erste Bekanntschaft mit dem mexikanisch-amerikanischen Komponisten Conlon Nancarrow. Neueinspielung von Nancarrows Gesamtwerk für Player Piano bei Dabringhaus & Grimm, die mit dem ECHO-KLASSIK-PREIS 2007 ausgezeichnet wurde. Autor der Nancarrow-Biographie Begegnungen mit Conlon Nancarrow.

www.nancarrow.de

 

György Ligeti und Conlon Nancarrow - das Zusammentreffen dieser Komponisten gehört zu den unvorhersehbaren, und unerwarteten Fügungen der Musikgeschichte, denn allzu unterschiedlich erscheinen Lebenswege und Charaktere dieser beiden Persönlichkeiten. György Ligeti - Kosmopolit, weltoffen, redegewandt und selbstbewusst, seit Jahrzehnten im Zentrum der musikalischen Entwicklung, erfolgreich und international anerkannt, zur Verwirklichung seiner musikalischen Ideen das gesamte Instrumentarium virtuos nutzend. Hingegen Conlon Nancarrow – im selbstgewählten Exil in Mexico lebend, musikalisch und gesellschaftlich isoliert, introvertiert, wortkarg, für Jahrzehnte seine musikalischen Ideen einem Instrumentenkuriosum – dem Player Piano – anvertrauend, bis in die achtziger Jahre von der Musikszene fast völlig ignoriert. Trotz all dieser Verschiedenheiten besteht zwischen Ligeti und Nancarrow eine tiefe musikalische Seelenverwandtschaft, und gegenseitige Bewunderund Befruchtung führten zu einer echten Freundschaft. Dieser Gleichklang wäre nicht möglich gewesen, hätten die unterschiedlichen Charaktere nicht auch viele Gemeinsamkeiten aufgewiesen: Unstillbarer Wissensdurst und eine neugierige Offenheit gegenüber allem Neuen, eine gesunde Selbstkritik, großes politisches Engagement und eine Begeisterung für naturwissenschaftliche Phänomene.

Der 11 Jahre jüngere Ligeti wurde zum engagiertesten Förderer Nancarrows und neben Peter Garland, Charles Amirkhanian und James Tenney zum wichtigsten Wegbereiter für die internationale Anerkennung seines musikalischen Lebenswerkes.

 

Vorgeschichte 

Ligeti hörte erstmals den Namen Nancarrow im Zusammenhang mit dem Festival "Für Augen und Ohren - von der Spieluhr zum akustischen Environement", das im Januar 1980 in Berlin stattfand. Erstmals wurde im Musikinstrumentenmuseum in Berlin der Versuch unternommen, auf einem schlecht funktionierenden Klavierspielapparat Nancarrows Sonatina und einige seiner Studies for Player Piano aufzuführen. Ligeti war zwar bei den Konzerten nicht anwesend, bekam aber einige Monate später den ausführlichen Veranstaltungskatalog zu Gesicht. Eine Partiturseite von Nancarrows Study No. 36 erregte seine Aufmerksamkeit - die Komplexität und temporale Vielschichtigkeit faszinierten ihn. Ligeti hatte bereits 1972 Mexico besucht und sich mit dem dortigen Musikleben vertraut gemacht, aber keiner der "Musikgewaltigen" Mexicos hatte den Namen Nancarrow auch nur andeutungsweise erwähnt.

Im Frühjahr 1980 besuchte Ligeti während eines Aufenthaltes in Paris das bekannte Schallplattengeschäft FNAC, das neben konventioneller Musik eine umgangreiche Auswahl an ethnischer und zeitgenössischer Musik führte. Da er, wie er einmal sagte, auch nicht ganz frei von Eitelkeit sei ("... und dann kommt die kleine Eitelkeit von Herrn Ligeti, die nicht sehr groß ist, aber doch da ist..." Interview mit Uli Aumüller 1992), wollte er nachschauen, ob auch eine seiner Kompositionen in den Regalen standen. Dies war, wie er mit Befriedigung feststellte, tatsächlich der Fall. Er suchte noch nach neuen Aufnahmen von Olivier Messiaen, den er sehr schätzte, und er erwarb einige Neuaufnahmen. Als er die alphabetisch nach Komponisten geordneten Schallplatten weiter durchsah, entdeckte er plötzlich zwei Platten mit Player Piano-Kompositionen von Nancarrow, die er spontan kaufte.

Während der Heimfahrt nach Hamburg übernachtete er bei einer Autobahnraststätte in der Nähe von Solingen, und während der Nacht wurde sein in einer Garage abgestelltes Auto aufgebrochen. Wie er selbst erzählte, waren die Räuber offensichtlich sehr gründlich und wählerisch: Sie stahlen das Autoradio und öffneten seine beiden Koffer: die gebügelte Wäsche nahmen sie mit, die schmutzige Wäsche ließen sie jedoch liegen. Auch bei der Auswahl der Schallplatten, die sich in seinem Auto befanden, trafen sie eine Auswahl: Sie stahlen die Platten mit Gamelan und Jiddischer Musik sowie die Messiaen-Aufnahmen, ließen jedoch die beiden Nancarrow-Schallplatten unbeachtet liegen. "...das hat mich total frappiert. Ein Räuber, der Messiaen kennt und gottseidank Nancarrow nicht..." (Interview mit Uli Aumüller 1992)  

Als Ligeti die Nancarrow-Schallplatten zum ersten Mal hörte, war er überwältigt - er bezeichnete sein Gefühl als Liebe auf den ersten Blick. Diese Musik war von einer unglaublichen Schönheit und Frische, zwar zeitgenössisch, aber keiner Schule verpflichtet, amerikanisch, aber ohne Anklänge an Ives oder Cage, vielmehr in der Tradition von Bach, Strawinsky und Jazz geschrieben. Besonders fasziniert war er von der Study No. 20, die eine frappierende Ähnlichkeit mit Ligetis bereits 1976 entstandenen Monument für zwei Klaviere hatte:

"...Seine Studie 20 ist so wahnsinnig ähnlich zu meinem Stück 'Monument'. Es ist fast dasselbe Stück mit der gleichen Art von Diatonik. Mehrere Schichten, die sich allmählich aufbauen und gegenseitig verschieben. Es war ein ganz merkwürdiges Erlebnis..." (Interview mit Uli Aumüller 1992).

Es ist bezeichnend für Ligeti, dass er diese 'Neuentdeckung' nicht für sich behielt, sondern dass es ihm offensichtlich ein tiefes Bedürfnis war, diesen Schatz mit anderen zu teilen: Er verschickte Dutzende von Tonkassetten mit Nancarrows Musik an seine Freunde in Deutschland, Österreich, Ungarn, UdSSR und Schweden. Auf diese Weise lernten erstmals viele bedeutende Künstler Nancarrows Musik kennen. An Mario Bonaventura, Dirigent, Pianist, Verleger und Widmungsträger von Ligetis Klavierkonzert schrieb er im Juni 1980: 

"... do you know the American composer Conlon Nancarrow, who lives in Mexico City? ...Now listen: after the few player piano studies of Nancarrow, I listened to, I affirm with all my serious judgement that Conlon Nancarrow is the absolutely greatest living composer. If J.S. Bach would been grown up instead with the protestant choral with blues, boogie-woogie and latino-american music, he would compose like Nancarrow, i.e. Nancarrow is the synthesis of American tradition, polyphony of Bach and elegance of Strawinsky, but even much more: he is the best composer of the second half of this century. I don't know whether his music is published, I cannot find any trace of it, nobody knows him here. If he's not published,  publish his music! He is a phaenomenon like Charles Ives, working hidden, ..."  (Brief Ligetis an Mario Bonaventura vom 28.6.1980)

Im Januar 1981 schrieb er in einem Brief an Charles Amirkhanian, Komponist, Schallplattenverleger und Direktor einer kleinen Radiostation in Berkeley:

"Dear Charles Amirkhanian, last summer I found in a Paris grammophone record shop the two records you made with Conlon Nancarrow's music (Volume 1 and 2). I listened by the music and became immediately enthusiastic. This music is the greatest discovery since Webern and Ives. (I agree with John Tenney's introductory essay -- not in every detail but in his  consideration, putting Nancarrow in the first rang  of the composers of this century.)  With the discovery of Nancarrow you made something great and important! For the whole music history! ... his music is so utmost original, enjoyable, constructive and at the same time emotional ... for me it's the best music of any today living composer."

Ligeti hatte jedoch bis dahin noch keinen persönlichen Kontakt mit Nancarrow aufgenommen, da er weder seine Adresse noch sein Telefonnummer kannte. Trotz seiner Isolation in Mexico registrierte Nancarrow mit Verwunderung die Aktivitäten um seine Person im fernen Europa. Er schreibt im September 1980 an einen Freund:

"Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie berühmt ich in Deutschland werde. Kürzlich bekam ich einen Brief eines Professors aus Darmstadt, der mich um Erlaubnis zum Nachdruck einiger Seiten aus den 'Selected Studies' bat. Abgesehen von seinen eigenen Lobreden erwähnte er, dass Ligeti ihm gesagt habe, ich sei der größte lebende Komponist." (Brief Nancarrows an Peter Garland vom 17.9.1980)

Nancarrow wußte zwar von der Bedeutung Ligetis in Europa, er hatte jedoch bislang keine Musik von ihm gehört. Ligeti ließ ihm über den Schott-Verlag drei Schallplatten mit ausgesuchten Kompositionen zuschicken, die bei Nancarrow spontane Begeisterung auslösten. Er schrieb 1982, nachdem er Ligetis Musik gehört hatte, an seine damalige Agentin Eva Soltes:

"About five months ago a got a notice from Germany that they were sending me three Ligeti records [Streichquartette Nos. 1 und 2, Le Grand Macabre, Doppelkonzert, 2 Etüden für Orgel]. I just received them, and from the looks of the package it must have spent five months in the hold of a ship. The music is terrific. Of course, before I was flattered that the famous leader of the European avant garde was saying all those things about my music. For all I know he could have been famous for all kinds of things, such as being the first to have synchronized burps and farts. So I rather reluctantly went to Hector's house to listen to them. After all I would have to make some comment about them. Well, I was really bowled over. This is not Cagean clowning, but very original and impressive music. I am anxious to write to him, and have already written to Charles (Amirkhanian) and Peter (Garland), asking for his address. In case neither one comes through, would you please send it." (Brief an Eva Soltes vom 18.6.1982)

So unwahrscheinlich es klingt - Nancarrow besaß über viele Jahre weder einen funktionsfähigen Schallplattenspieler noch ein Tonbandgerät. Er musste die Ligeti-Platten bei einem Freund abspielen. Am 30.06.1982 trat Nancarrow erstmals brieflich mit Ligeti in Kontakt:

"Dear Mr. Ligeti: About six months ago I was advised from Germany that they were sending me three records of your music. They just arrived. I am overwhelmed. Thanks for having them sent. For some time I have been very flattered by the things you have been saying about my music. Of course I knew that you were a famous composer, but I had not heard a note of your music. Well, now I have, and am very impressed. I haven't felt such excitement since Bartok and Stravinsky. By the way, are the String Quartets published? I would like to see the scores. I understand that you will be at the ISCM festival in Graz. I look forward to seeing you. Best regards, Conlon Nancarrow." (Brief Nancarrows an Ligeti vom 30.6.1982)

Seine Begeisterung für Ligetis Streichquartette bringt Nancarrow auch in einem Brief an einen Freund zum Ausdruck:

"I wish you would listen to Ligeti's 2nd string quartet. For me it is a direct descendent of Bartok's 4th, which is for me one of the high points of this century." (Brief an Peter Garland vom 25.1.1983)

Im August 1982 antwortete Ligeti:

"Dear Mr. Nancarrow, thank you so much for your letter, it is the greatest pleasure for me. Since I know your music (i.e. since summer 1980 when I heard the first two records of your Studies) I love your music more than any other music of a now living composer. Since then I got also the third record and a number of scores published by Mr. Garland both in Soundings and separately. It's very hard to get your records in Europe, therefore -- I hope you don't object -- I made a great number of tape copies for friends, so your Studies reached even some East European countries... I didn't know your address until your letter came...I'm very happy to meet you in Graz... I have the honour to introduce your music at the ISCM festival and I look very much foreward for this event and for your personal presence there..." (Brief Ligetis an Nancarrow vom 20.8.1982)

Im September 1982 teilt Ligeti Nancarrow mit, er habe Schott gebeten, Nancarrow einige Partituren und weitere Tonaufnahmen seiner Kompositionen zuzuschicken. Zudem habe er bei dem Geschäftsführer von Schott, Dr. Hanser-Strecker, angeregt, Nancarrows Werk verlegerisch zu betreuen. Dieser Vorschlag sei auf offene Ohren gestoßen. (Die Realisierung sollte jedoch noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen.)

Ligeti war auch maßgeblich an den Vorbereitungen für die Europareise Nancarrows und die Konzertveranstaltungen 1982 in Österreich und Deutschland beteiligt. So machte er z.B. Vorschläge zur Auswahl der "Studies", die in Graz aufgeführt werden sollten. Dieses Programm fand Nancarrows volle Zustimmung: "I'd say he has good taste."

 

Erstes Treffen 

Die beiden Komponisten trafen erstmals Ende Oktober in Graz in Österreich anläßlich des ISCM-Festivals zusammen. Für Nancarrow war dies die erste Europareise seit 1937, (als er in Spanien an den Kämpfen gegen das faschistische Franco-Regime teilnahm) und er unternahm sie gemeinsam mit seiner Frau Yoko und ihrem gemeinsamen Sohn Mako. Zudem wurde er von seiner Agentin Eva Soltes (eine Verbindung, die übrigens nur von kurzer Dauer sein sollte) sowie dem Toningenieur Bob Shumaker begleitet. Diese Reise sollte ihn von Graz über Hall in Tirol nach Köln (WDR und Kölnischer Kunstverein) und Paris (IRCAM) führen. Ligeti begleitete Nancarrow auf einem Teil seiner Europa-Reise, stellte ihn in Graz, Hall und in Köln persönlich vor und moderierte seine Konzerte. Für Nancarrow war diese Reise ein großer Erfolg. Er berichtete nach seiner Rückkehr nach Mexico an Peter Garland:

"Dear Peter: Wonderful tour of Europe... The european trip was a great success and pleasure. Ligeti introduced and lectured on my music in the two places in Austria and the one in Germany. He is a real character and we had some wonderful conversations (in one of his seven languages). We had wonderful weather the whole time. I had been warned before we left about the terrible cold, so I took a whole bag of wool shirts, etc., none of which I used. It was warmer than Mexico at that time of year. We got the red carpet treatment everywhere, but it was a relief to get out of the heavy Germanic food into the wonderful French cuisine and wine. Also, I had forgotten what a beautiful city Paris is. My appearance at IRCAM was also a great success. The hall was sold out, with people storming the gates. Roger (Reynolds) introduced my music, with him and Cage on the panel discussion at the end, which was not too successful, partly because of linguistic problems, but also because of the French penchant for making a 5-minute lecture in something that was supposed to be a question and answer period, and when I pointed out that it was not a question the reply was that it was not supposed to be."  (Brief vom 8.12.1982 an Peter Garland)

Nancarrow äußerte sich auch gegenüber Ligeti begeistert über die Europareise. Dabei berichtete er hauptsächlich über das von IRCAM veranstaltete Konzert in Paris, und er bedauerte, daß es die vielfältigen technischen Möglichkeiten nicht schon früher gegeben habe.

"Dear György: Greetings. What a wonderful trip, thanks mainly to you. Of course for me the high point of the trip was meeting and being with you. Yoko says that your mind and mine work the same way. The Paris concert was a big success with many people turned away. The sound was fantastic. I know you have reservations about IRCAM. I remember you said they had not produced any composers. I have the impression that is not the object, but to investigate techniques, which they are doing on a grandiose scale. In the short time there I was given a sort of guided tour of the things they are doing, and I was very impressed. Definitely if this sort of thing had existed thirty years ago I would not have gone near a player piano. These people want me to get involved in this whole new technique, but now it is too late, for better or worse." (Brief Nancarrow an Ligeti vom 30.11.1982)

IRCAM machte Nancarrow den Vorschlag, einen längeren Zeitraum am Pariser Institut zu arbeiten; dieser Vorschlag ließ sich jedoch nicht realisieren.

 

Ehrungen 

Ligeti, selbst vielfach geehrt und dekoriert, schlug auch Nancarrow für bedeutende Auszeichnungen vor, die oft mit beträchtlichen finanziellen Zuwendungen verbunden waren. So befürwortete er z.B. die Verleihung des MacArthur-Preises an Nancarrow. Diese mit insgesamt 300.000.--$ dotierte Auszeichnung wurde Nancarrow 1982 zugesprochen und ermöglichte ihm fünf Jahre ein sorgenfreies Leben. Sicherlich war das Urteil Ligetis entscheidend für die Wahl Nancarrows. Er erwähnte einmal: "I simply wrote them that Nancarrow is the greatest living composer and together with Ives the greatest American composer of all times. And they understood my opinion." (Brief Ligetis an Nancarrow vom 18.4.1987)

Dass der MacArthur-Preis für Nancarrow geradezu lebenswichtig war, ergibt sich aus einer Notiz an einen Freund: "Thanks to MacArthur we may survive the desaster here."

Ligeti setzte sich auch vehement für die Verleihung des Grawemeyer-Preises an Nancarrow ein, der zu diesem Zweck der Jury seine fünfsätzige Study for Player Piano No. 45 vorlegte, und obwohl auch John Cage diese Nominierung unterstützte, wurde Nancarrow nicht berücksichtigt. Ligeti, der selbst den Grawemeyer-Preis erhalten hatte und zu dessen Verleihung im November 1986 in Louisville, Kentucky, auch Nancarrow angereist war, um ihm zu gratulieren, bedauerte es sehr, dass seinem Freund dieser Preis versagt wurde:  

"Sorry, but the Grawemeyer-thing didn't succeed. I fought strongly, but the other jury members had very different judgement. If somebody deserves this award, from all living composers, it's you. You know my unlimited affection for your music." (Brief Ligetis an Nancarrow, 18.4.1987)

Obwohl Nancarrow die finanziellen Zuwendungen, die mit vielen Preisen verbunden waren, dringend benötigte, stand er solchen Preisen doch mit einer ironische Skepsis gegenüber, wie aus einem Brief, den er 1986 an einen Freund schrieb, deutlich wird:

"I don't want a Pulitzer. That is much fame and little money. I want little fame and much money. My MacArthur will be running out soon. In N.Y. I found out about a place called Foundation Center, which has a library on just grants, with a staff of lawyers and advisers. Of the 25,000 or so grants many would be of no use for you or me, but there must be quite a few that would. You should look into this also. I am going to investigate further, and if necessary make another trip to N.Y. to pursue my new career of grantsmanship. I was talking with Cage and he said he has recommended many people for the Guggenheim. Not long ago he wrote them asking if a recommendation from him helped or hindered a person. Naturally they did not answer."

 

Musik und Maschine - Nancarrow und Ligeti in Köln

Das nächste Zusammentreffen beider Komponisten sollte 1988 stattfinden. Wolfgang Becker-Carsten, Hauptabteilungsleiter für Neue Musik des WDR, verfolgte seit mehreren Jahren die 'idée fixe', Nancarrows Studies for Player Piano mit einem wirklichen selbstspielenden Klavier in Köln vorzustellen. Alle öffentlichen Aufführungen hatten bisher mit Hilfe von Tonbändern oder Schallplatten stattgefunden, weil kein geeignetes Instrument zur Verfügung stand und Nancarrow sich beharrlich weigerte, eines seiner Player Pianos für Konzerte herauszugeben. Der Autor dieses Beitrags erwarb nun 1985 ein geeignetes Instrument - einen originalen Ampico-Bösendorfer Selbstspielflügel von 1927. Nach aufwendiger Restaurierung und Modifizierung nach den Wünschen Nancarrows konnte das Vorhaben dann doch realisiert werden: Am 15. Oktober 1988 fand in der Kölner Philharmonie die großartige Veranstaltungsreihe 'Musik und Maschine - Nancarrow und Ligeti in Köln' statt, in der ein Überblick über das Schaffen beider Komponisten gegeben wurde. Insbesondere Ligetis Études pour Piano, die - wie der Komponist freimütig zugibt - in hohem Maße von Nancarrow beeinflußt wurden, gaben Einblick in die musikalische Verwandtschaft beider Komponisten. Dies war umso erstaunlicher, da bei dieser Veranstaltung auch einige Wesensunterschiede deutlich zutage traten: Sowohl bei der Pressekonferenz als auch bei einer Podiumsdiskussion, die einem der Konzerte vorangestellt war, bestach Ligeti durch eingehende Analysen seiner eigenen und Nancarrows Werke, betonte die 'Seelenverwandtschaft' und brachte seine überschäumende Begeisterung für seinen Gesprächspartner zum Ausdruck, während sich die Diskussionsbeiträge des wortkargen Nancarrow auf 'yes', 'no' oder kurze Erläuterungen beschränkten.

Das nächste Treffen sollte nur zwei Tage auf sich warten lassen: Ligeti hatte sich aus Anlass seines 65sten Geburtstages ein Konzert mit Nancarrows Musik gewünscht, das am 17. Oktober in der "Opera Stabile" der Hamburgischen Staatsoper stattfand.

Als Geburtstagsüberraschung hatte Nancarrow eine Player Piano-Komposition For Ligeti mitgebracht, die aus diesem Anlass uraufgeführt wurde. Auch hier führte Ligeti in Nancarrows Werk ein, das wiederum 'live' auf dem Bösendorfer Selbstspielflügel dargeboten wurde, und der Erfolg war so überwältigend, daß das Konzert am späten Abend wiederholt werden musste.

Ein letztes Zusammentreffen in Europa sollte am 5. April 1989 in Wien stattfinden. Im Rahmen des Festivals "Töne und Gegentöne" während der Wiener Festwochen fand ein 'live' - Player Piano-Konzert in Anwesenheit Nancarrows statt. Für den folgenden Tag war eine Veranstaltung mit dem aufwendigen Titel vorgesehen: Begegnung mit Conlon Nancarrow - Eine Nachlese zum Konzert der Töne und Gegentöne vom 4. April, bei dem Nancarrows Studies for player piano auf einem speziell gebauten Bösendorfer Reproduktionsklavier vorgestellt wurden. Dieses Publikumsgespräch sollte um 18.00 Uhr beginnen. Zu unserer großen Überraschung erschien wenige Minuten vor Veranstaltungsbeginn György Ligeti mit seinem Sohn Lukas. Die Annahme, Ligeti könne die Diskussion dominieren, erwies sich allerdings als völlig unbegründet. Er setzte sich in die letzte Reihe und griff nur hier und da einmal mit kurzen Bemerkungen ein. Als Nancarrow z.B. erwähnte, dass er in den letzten Jahren enorm viel Post bekäme, fragte Ligeti spontan: "Und, beantwortest Du die Post?" Worauf Nancarrow schlagfertig meinte: "Ein wenig mehr, als Du es tust." Dieses Zwiegespräch löste Heiterkeit aus, insbesondere bei denen, die wussten, dass es nicht ganz einfach war, von Nancarrow Post zu bekommen. Als Ligeti ihn fragte, ob das plötzliche Interesse an seiner Musik sein Leben nicht sehr verändert habe, meinte Nancarrow: "No, I get used to it, but I try to keep my isolation in Mexico." 

Bei einem gemeinsamen Abendessen in kleinem Kreise in einem Wiener Spezialitätenrestaurant ergaben sich interessante Diskussionen u.a. über die Interpretation zeitgenössischer Kammermusik.

Während Ligeti dem Kronos-Quartett den Vorzug gab, setzte Nancarrow auf das Arditti-Quartett und meinte, dieses könne einfach alles spielen. Nicht ohne Stolz berichtete Nancarrow von den Wiener Konzertkritiken, in denen er in einer Überschrift sogar mit Bach und Glenn Gould in einem Atemzug genannt wurde, zwei Musiker, die er über alles schätzte; und er erwähnte eine andere Rezension, in der auf das Buch 'Gödel, Escher und Bach' verwiesen wurde, eines von Nancarrows Lieblingsbüchern, das auch Ligeti wohlbekannt war, obwohl dieser meinte, er habe nie die Zeit gefunden, das Buch vollständig zu lesen.

Wieder einmal mehr zeigte sich das hervorragende Verständnis beider Komponisten für naturwissenschaftliche Zusammenhänge. Ligeti interessierte sich für die chemischen Forschungsarbeiten des Autors und er erwies sich als kompetenter Gesprächspartner mit hervorragenden chemischen Kenntnissen. Anläßlich eines Zusammentreffens in Köln 1995 verblüffte Ligeti den Autor sogar, indem er das Periodensystem der Elemente aus dem Gedächtnis aufsagen konnte - eine Leistung, mit der selbst mancher Naturwissenschaftler überfordert ist.

 

Ligeti und das Player Piano 

Ligeti verfolgte die Bemühungen des Autors um Aufführungen von Nancarrows Player Piano-Kompositionen von Anfang an mit großem Interesse. Bereits bei den ersten Treffen 1988 in Köln und Hamburg äußerte er den Wunsch, einmal Nancarrow Studies für zwei Player Pianos 'live' auf zwei Selbstspielklavieren zu hören. Am 1.3.1989 schrieb er dem Autor

"...ich freue mich sehr, dass Sie noch immer nach einem zweiten Flügel suchen. Überhaupt schätze ich alles, was Sie machen sehr, nicht nur für Nancarrow, sondern für die Erhaltung und Pflege alter mechanischer Instrumente. ...Ich hätte großes Interesse, Désordre als "Study for player piano" zu hören. Falls es gelingt, wäre ich für eine Kassette sehr dankbar."

Zwei Jahre später war es möglich, ein geeignetes zweites Instrument zu erwerben, einen Ampico Fischer-Selbstspielflügel, dessen Intonation recht gut zu dem Ampico Bösendorfer-Instrument passte. Nach der Entwicklung einer Computersteuerung konnten Nancarrow Studies für zwei Player Pianos erstmals auf zwei exakt synchronisierten Instrumenten aufgeführt werden: Die Studies for two Player Pianos No. 40a und b sowie 48a-c wurden anläßlich der Donaueschinger Musiktage 1994 und 1997 uraufgeführt.

Ligetis Verehrung für Nancarrow äußerte sich nicht zuletzt darin, daß er die Übertragung einiger seiner besonders schwierigen Études pour Piano auf das Player Piano wünschte. Auf die Frage, ob er denn nicht befürchte, statt eines 'ersten' Ligeti ein zweiter Nancarrow zu werden, meinte er: "Für mich wäre es eine Ehre, ein zweiter Nancarrow zu werden."

Unvorhersehbare Umstände führten sogar dazu, dass Ligetis extrem anspruchsvolle Etüde No.9, Vertige, sogar ihre Uraufführung auf einem Player Piano erlebte. Dieses Werk war Mauricio Kagel gewidmet und sollte anläßlich eines Festkonzerts zu seinem 60. Geburtstag am 19. Januar 1992 in der Kölner Philharmonie uraufgeführt werden. Bedauerlicherweise erlitt der Pianist, dem die Uraufführung zugedacht war, kurz zuvor einen Unfall, so dass er das Werk nicht einüben konnte. So war es ein glücklicher Zufall, dass kurz zuvor die Übertragung der Komposition auf Lochstreifen beendet wurde, so dass bei dem Konzert das Player Piano hilfreich einspringen konnte.

Ligeti geht bei seinen Kompositionen oft bis an die Grenze des Möglichen - in seiner vierzehnten Klavieretüde hat er diese Grenzen offensichtlich überschritten: Sie geriet für einen Pianisten nahezu unspielbar. Er widmete sie daraufhin dem Player Piano und schrieb eine zweite, erleichterte Fassung für Pianisten, allerdings nicht ohne auf der ersten Partitur zu vermerken: "...die Aufführung durch einen lebendigen Pianisten ist ebenfalls möglich – bei entsprechendem Arbeitsaufwand." Die Originalfassung für Player Piano wurde ebenfalls anläßlich der Donaueschinger Musiktage 1994 uraufgeführt.

Nachdem zwei synchronisierte Player Pianos zur Verfügung standen, wünschte Ligeti auch die Übertragung einiger besonders geeigneter Kompositionen auf zwei Player Pianos. Geradezu prädestiniert war sein bereits 1968 entstandenes Continuum, das wegen der extrem schnellen Tonrepetitionen nur auf einem zweimanualigen Cembalo aufführbar war. Eine Bearbeitung seiner Kompositionen für zwei Klaviere Monument, Selbstportrait, Bewegung wurde 1997 in Donaueschingen uraufgeführt. Wie sehr Ligeti die Player Piano-Transkriptionen schätzt, folgt daraus, dass er sie in die von Sony Classical herausgegebenen Aufnahmen seines Gesamtwerkes integriert hat.

Ligeti fühlte sich Nancarrows Musik so sehr verbunden, dass er sich in Konzerten, die eigentlich seiner eigenen Musik vorbehalten sein sollten, häufig auch Kompositionen Nancarrows wünschte. So wurde im Oktober 1994 die Uraufführung seiner zehnten und elften Klavieretüden anläßlich der musica 94 in Straßburg mit Nancarrows Player-Piano-Studies kombiniert. Im März 1995 fand im Rahmen der WDR-Veranstaltungsreihe ‘Musik der Zeit’ ein Konzert im großen Sendesaal des Funkhauses statt, im dem neben den Klavieretüden Ligetis erstmals Nancarrows Study for two Player Pianos No. 41 aufgeführt wurde. Im Mai 1996 erklangen im Rahmen des Internationalen Bodensee-Festivals in Ravensburg Klavieretüden Ligetis für Live-Klavier und in Player Piano-Bearbeitungen neben Studies von Nancarrow für ein und zwei Player Pianos. Bei all diesen Veranstaltungen ließ Ligeti es sich nicht nehmen, persönlich anwesend zu sein. Aus Ravensburg schickte er einen Gruß an Nancarrow, der zur damaligen Zeit schon krank war: "Dear Yoko, dear Conlon, we are in South Germany with a WONDERFUL concert with 40a, 40b and many other pieces. The LIVING (i.e. nit virtual) player pianos are better than a recording. I hope that you are in better health!" (Ligeti an Nancarrow nach einem Konzert in Ravensburg am 7.5.1996)

Anläßlich einer umfangreichen Konzertreihe zu Ehren Ligetis im Königlichen Musikkonservatorium Den Haag im Februar 1996 wünschte sich Ligeti sogar ein ganzes Nancarrow-Konzert. Damals schrieb er: "Dear Yoko, dear Conlon, here in Den Haag Jürgen Hocker made a FANTASTIC concert playing on 2 player pianos your 3a, 25, 40b, 41a,b,c, etc etc and some of my piano studies which he let punch (or through computer). I am very happy with all these possibilities, combining NANCARROW and Ligeti (all other composers hate each other reciproque, and therefore they don’t know what QUALITY is). I worry much over your health - I wish you should become TOTALLY OK - but I hope you Yoko, you Maco, you are well. Conlon I follow you in age. With all my love yours György." (Ligeti an Nancarrow nach dem Konzert am 5.2.96 in Den Haag)

 

 

Langfassung mit Originaltexten und Übersetzungen sowie Literatur Anmerkungen. Eine Kurzfassung ist in 'MusikTexte' erschienen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Beatrix Hocker.

 

http://www.nancarrow.de/ligeti_u__nancarrow.htm