Vermittlung Magazin

Kennst du das Land...?

Zur spannungsvollen Künstlervita des deutschen Wahl-Italieners Hans Werner Henze

ESSAY
Rafael Rennicke

Freier Musikpublizist. Studium der Musikwissenschaft und Allgemeinen Rhetorik an der Universität Tübingen. Derzeit Promotion. Tätigkeit als Kritiker, Autor und Musikvermittler für Tageszeitungen (u. a. Frankfurter Allgemeine Zeitung), Fachzeitschriften (u. a. Neue Zeitschrift für Musik) und Rundfunkanstalten (u. a. SWR 2 und Bayerischer Rundfunk). Veröffentlichungen zu französischer Bild-Rhetorik, zur Musik des 19. und 20. Jahrhunderts sowie zur Musik der Gegenwart.

http://rafaelrennicke.wordpress.com/

 

1. Prolog

 

Doktor Faustus: Wir haben mit Verdruss und Kümmernis zur Kenntnis genommen, Meister Henze, dass Sie Teutschland & der teutschen Musik den Rücken gekehrt und sich nach Welschland verzogen haben.

Hans Werner Henze: Ich bin aus Alemania weggegangen, um just das Teutsche in mir zu ersticken, lieber Fauste. Die Teutschen, die mich während meiner ganzen Jugend unglücklich gemacht hatten, die Strafenden, Prügler, Hetzer in Rudeln, Denunzianten, Stiefelprinzipale, unheilbare Faschisten, sollten mich nicht länger sekkieren.

Doktor Faustus: Aber Sie hätten wie alle rechten teutonischen Componisten an einer teutschen Universität Rector magnificus werden können oder an einer Hochschul den Gradum Doctoris acceptiren können.

Henze: Ich folgte doch einem Ruf nach Coloniam am Rhein, aber ich wurde auf die Dauer des nicht zufrieden und floh wieder nach Welschland in den Süden. Ich konnte die gelahrten teutschen Köpf, alle diese Tutoren und Negotianten, die in der Musica teutonica zu Kultur-Bossen avanciert waren und die sich mit der sogenannten "Sache der Neuen Musik" delectierten, nicht mehr ertragen. Ich hasste die Kunstmandarine, welche die neue teutsche Musik bis zur höchsten Abstraktion raffiniert und ihre gescheiten Programme nach Art der radikalsten Musica Nova conventioniret hatten. Was frag ich nach Himmel, was frag ich nach Höll, sagte ich mir, ich suche echte musikalische Lust, koste es meinen Leib und koste es meine Seel'.

Doktor Faustus: Ein rechter teutscher Componirer, Meister Henze, treibt wie in theologiam vor allem keine Späße mit Frau Musica und parodiret sie nicht in sonoribus.

Henze: Dass ich nicht lache! Die teutsche Musik soll ich nicht toll aufführen dürfen? Wohl denn: ich habe die teutonische Kunst in meinen heiteren Opern auf lustige Gedanken gebracht, ich habe nach Wagner und Schönberg wieder Arioses und Leichtes komponiert.

Doktor Faustus: Clavis negromantici artis! Sich zu delectiren, das ist nicht teutscher Componisten Art, Meister Henze. Nehmen Sie das Exemplum der itzigen teutonischen Musik: Stockhausen, Lachenmann, Rihm. Das sind die echten protestantischen Köpf, auf die wir uns in Musica verlassen können.

Henze: Proverbium commune est: quid capita tot sententiae, viele Köpf, viel Meinungen. Sollen sie doch weiter mit Melancholie die teutsche Seel tractiren, die teuflisch teutsche Schwarzkunst perpetuiren, ich will mich weiter mit Amor und Apoll im Süden delectiren.

 

 

2. Flucht nach Italien – Musik der Freiheit

 

Dieser fiktive Dialog zwischen Hans Werner Henze und dem Thomas Mannschen Inbegriff des deutschen Komponisten findet sich in Hubert Stuppners satirischer Abrechnung mit dem 20. Musikjahrhundert Endzeit-Sonate. Frankenstein oder Die Minnesänger des Untergangs.1 In seiner streitgesprächartigen Zuspitzung, bei der fingierte und authentische O-Töne geistreich collagiert erscheinen, pointiert er überaus treffend einen der zentralen Konflikte der Künstlervita Henze: das gespannte Verhältnis des 1926 geborenen Westfalen zum Land seiner Herkunft, dem er 1953 den Rücken kehrte – und dem er doch ein Leben lang aufs Engste spannungsvoll verbunden blieb.

Als der 26-jährige Henze im Frühjahr 1953 die Alpen Richtung Italien überquerte, war dies für den aufstrebenden Komponisten kein Gang ins unfreiwillige Exil, sondern ein Gang in die selbstgewählte Freiheit. Im Rückblick der Autobiographischen Mitteilungen von 1996 wird der Tag der "festlichen Grenzüberschreitung" zum "schönsten Tag meines Lebens"2 stilisiert, zum Schritt in eine "andere, meiner Kultur entgegen gesetzte Welt".3 Der lang geplante Entschluss, Deutschland zu verlassen und Italien zum "Geburtsort meiner Werke"4 zu machen, war für Henze, der sich künstlerisch nicht der Doktrin der Nachkriegs-Avantgarde unterwerfen wollte und zudem als Homosexueller gesellschaftlicher Außenseiter war, gleichwohl unvermeidlich – der Gang nach Italien insofern auch ein Ausbruch, eine Flucht vor den restaurativen Tendenzen im Nachkriegsdeutschland, die den von den Schrecken des Dritten Reichs Gezeichneten aufs Empfindlichste berührten. "Zu sehen, dass wenige Jahre nach der Diktatur in meinem Vaterland Regungen wach geworden sind, die darauf hinweisen, dass der Ungeist nicht gestorben ist, bedeutet eine Enttäuschung, die nicht nur anhält, sondern wächst und sich mit Zorn und Scham verbindet. Sie bringt mich dazu, in meiner Arbeit bewusster als bisher gegen den Strom zu schwimmen, und mit ihr, in ihr und durch sie für ein Leben zu plädieren, in dem Vernachlässigung der Nächstenliebe, Brutalität und Bevormundung gedanklicher und gesellschaftlicher Freiheit ausgeschlossen sind",5 schreibt Henze noch 1963 in seinem programmatischen Aufsatz Musik als Resistenzverhalten. Und weiter: "Von mir ist nicht, oder: noch nicht, zu erfahren, wie ich mir die Präsenz der Musik in dieser Zeit vorstelle. Meine eigene distanziert sich, absentiert sich, solange es noch möglich ist, dass Menschen mit sanktionierten Mordabsichten oder ungestrafter mörderischer Vergangenheit sie anhören, über sie sprechen und urteilen können."6

Mit der Freiheit, die Henze suchte, war ein Begriff von Schönheit aufs Engste verbunden. Henzes Streben nach einer "unserer Zeit entsprechenden Schönheit",7 nach einer Musik "voller Wohlklang und des Neulands künstlicher Paradiese"8  speiste sich aus der Sehnsucht, der heillosen Welt eine Welt in Tönen entgegenzusetzen, die vor der bestehenden Bestand haben sollte. In einem Brief aus Wuppertal an Ingeborg Bachman, die Wahlverwandte, schreibt Henze im Oktober 1956: "Wuppertal ist ein ziemlich erbärmlicher ort, wie Du weisst, und widert meine vom golf und vom südlichen barock verwöhnte schönheitsdurstige seele an";9 wobei Henze seine "schönheitsdurstige Seele", deutsch geschrieben, ereignishaft wie einen Leuchtturm aus der italienischen Prosa aufragen lässt ("Wuppertal è un luogo abbastanza deplorevole come tu sai, e fa schifo all amia schönheitsdurstige seele vizziata dal golfe e dal barocco meridionale"). Das Detail, das auf Innerstes verweist und von Henze nicht in die italienische Sprache übersetzt, sondern nur in der Muttersprache des Vaterlandes zu prägnantestem Ausdruck gebracht werden konnte, verdeutlicht auf fast sinnbildlich Weise, wie eng Henzes Schönheitsbegriff mit der eigenen Biographie verflochten war, mit Trennung und Abgrenzung, mit der Nähe zu Deutschland und der Sehnsucht nach Süden. Bedenkt man, dass diese frühen Spuren von Henzes Schönheitsverlangen in eine Zeit fallen, in der das Sprechen über Schönheit im Verdacht stand, die Schrecken des Holocaust gedächtnislos übergehen zu wollen, so wird verständlich, dass Henzes geradezu "sinnliche Lust auf einen neuen Schönheitsbegriff, eine neue ästheti­sche Glücksvorstellung"10 in dieser Zeit verpönter Schönheit wie ein hartnäckiger Kontrapunkt klingen musste. Nur die selbstgewählte Emigration konnte die Rettung bringen: Im geistigen Klima Italiens mit seinem demokratischen Konzept von Kunst und zumal im Angesicht von Anmut und Grazie der südlichen Landschaft fällt dem jungen Komponisten Licht und Leben zu. "Neapel (Land der Sonne)"11 scheint der ideale Ort, um Licht-Einfälle, Licht-Blicke auch im eigenen Werk zu realisieren: "die Sonne hebt alles auf".12

So vollzog Henze seine Befreiung von Deutschland nicht nur biographisch, sondern auch musikalisch. Mit der Abkehr von der Darmstädter Schule, als deren schönste Hoffnung Henze gegolten hatte, gelang ihm die Überwindung der Norm: "Mit ihr fängt Kunst erst an zu tönen, zu leuchten, zu sein."13 Henze, der sich mit dem eigenen, einsam eingeschlagenen Weg von den Hochburgen der Avantgarde absetzt und sich damit auch künstlerisch zum Außenseiter macht, findet Zuflucht in der Welt der Töne, die ihm fessellose, freiheitstrunkene Selbstverwirklichung gestatten und mit denen sich, wie er Bachmann schreibt, "alle Ideale der Schönheit und der Vollkommenheit verwirklichen lassen".14 Henze komponiert in der Folge südliche Musik, Musik voll Sinnlichkeit und Sensibilität. Wer um die "lyrische Öde"15 Nachkriegsdeutschlands weiß, die Henze hinter sich gelassen hat, ahnt die Notwendigkeit dieser Freiheit, mit der sich weitgeschwungene Linien und melodieerleuchtete Kantilenen in Henzes Musik entfalten: Da singt einer über Trümmern, die im Kopf noch geistern, und Klänge glühn wie Goldorangen, wo der Staub der Asche noch an den Sohlen klebt. Henzes Schönheit, die um ihr provokantes Potenzial weiß, ist Protest und antwortet mit seismographischer Empfindlichkeit auf die Unempfindlichkeiten der Welt: "von Schmerzerfahrung erfüllt, wissend, aber doch tastend, ahnend, suchend, von einem brennenden Verlangen nach der vollkommenen Gestalt getrieben".16

Die canzone napoletana, der neapolitanische Volksgesang, in dem Henze "die Manifestation des Lebens schlecht­­hin"17 erblickt und eine uralte Schönheit walten sieht, findet in Form von Zitaten, Allusionen und oft nur kleinsten Spurenelementen Eingang in die Werke der ersten italienischen Jahre, die als Gründungsdokumente dieses neuen Schönheits­begriffs ver­stan­den wer­den können. Durchzogen von weitge­schwungenem Melos und den "schönen alten Akkorden von gestern",18 bringen das Orchesterwerk Quattro Poemi (1955), die Oper König Hirsch (1956), die Cinque canzoni napoletane für Bariton und Kammerorchester (1956), das Ballett Undine (1957) oder die Nachtstücke und Arien für Sopran und großes Orchester (1957) allenthalben das Auf­leuchten einer fernen, verschütteten Schönheit zum Vorschein, das man in den Partituren von Henzes damaligen Zeitgenossen vergeblich suchte.

 

 

3. "Denk ich an Deutschland..." – Annäherungen

 

Es ist eine Schönheit, die nicht beschönigt. Unter den blendenden Lichtern, mit denen die "Aria II" der Nachtstücke und Arien verklingt, öffnen sich bedrohliche Tiefen, als wollten "die unerhörten Stimmen des Verderbens", gegen die der Gesang zuvor noch aufbegehrt hatte, künftiges Glück in Frage stellen. Dem wehen Vibrieren der querständigen Akkorde ist gefährdendes Potenzial miteingeschrieben, Zwielicht, Zweifel. "Man fühlt", schreibt Henze an Ingeborg Bachmann, deren Gedichte er hier vertonte, "dass es eine Idee von Schönheit und Frieden ist, die jeden Moment erschüttert werden könnte."19 Diese Abgründe und die Schatten, die sich über die lichtdurchfluteten Klänge dieser Musik legen, sind gewiss nicht nur mit der Gleichung "traurige Schönheit (= Kunst)"20 zu erklären, die Henzes Kunstauffassung maßgeblich prägte. Es spiegelt sich in ihnen auch der Schatten, den die Biographie auf das Werk warf, der Schatten der deutschen Vergangenheit, den der freiheitsuchende Wahl-Italiener nicht einfach abschütteln konnte. In seiner bis heute kaum rezipierten Rede über das eigene Land vom 28. November 1993 in den Münchner Kammerspielen bekannte Henze, was er in den ersten Jahrzehnten seines italienischen Exils vielleicht nicht wahrhaben wollte, seiner Musik freilich schon längst miteingeschrieben hatte: "Es ist ein Anflug von 'italianità' in meiner Musik, aber immer klingt auch ein gewisser deutscher Akzent mit."21

Dieser Akzent mag dem einstigen Wolfgang-Fortner-Schüler am Evangelischen Kirchenmusikalischen Institut Heidelberg mit zunehmendem Alter immer stärker ins Bewusstsein getreten sein. Am 22. März 2006 notierte der mittlerweile 79-Jährige in sein Arbeitstagebuch zur Oper Phaedra: "Es wird mir immer deutlicher und klarer, dass mein Stil, mein Ton, mein kompositorisches Tun am einfachsten und am besten mit der deutschen Musik, damit meine ich die Musik der Wiener Klassik, bezeichnet, verglichen und bemessen werden kann. Es handelt sich also um Reihenmusik, aber […] nicht immer nach den strengen mönchischen Regeln ausgeführt, mit denen Schönberg (in einigen seiner Stücke) verfahren ist; in meiner Musik ist die Reihenmusik (genau wie bei Schönberg) ein Arbeiten mit thematischen Materialien, wie auch schon bei Beethoven, Mozart, Richard Wagner und Brahms […] zu finden."22 Hier ist keine Rede mehr von den in den Schriften der 1950er- und 1960er-Jahren geradezu hymnisch aufgerufenen italienischen Komponisten wie Monteverdi, Bellini, Rossini oder Donizetti, die dem in die Musik seiner Wahlheimat Verliebten das Vorbild gaben.

Wie wenig freilich Henzes Werke – bei aller ihnen mitgegebenen italienità – von den Zeitgenossen "italienisch" rezipiert wurden, mag allein beim Blick auf die Uraufführungsorte der oben genannten fünf Kompositionen der ersten italienischen Jahre exemplarisch deutlich werden: Berlin, Frankfurt am Main, erneut Frankfurt am Main, London, Donaueschingen – der Wahl-Italiener, den Dirigate, Zweit- und Mehrfachaufführungen seiner Werke in einer unvergleichlichen vita activa mehrfach um die ganze Welt führten, hatte zuallermeist deutsches Premierenpublikum. Die am 10. Januar 2010 in Rom uraufgeführte Kantate Opfergang (Immolazione) war das erste – und einzig gebliebene – Werk, das eine italienische Institution, die Accademia Nazionale di Santa Cecilia, bei Henze in Auftrag gegeben hatte und auf italienischem Boden erstmals erklang – kurioserweise die Vertonung eines Textes eines deutschen Dichters: Franz Werfel.

Zu den herausragenden Œuvres in Henzes Werkkatalog, die den spannungsvollen Versuch eines Brückenschlag des "mediterranen Deutschen"23 zwischen Heimat und Wahl-Heimat direkt oder indirekt bezeugen, zählen neben der stark autobiographisch eingefärbten Oper mit dem italienischen Titel L’Upupa (2003) – der Parabel vom schönen, doch flüchtigen Wiedehopf, in der Henze die ewige Suche des Künstlers nach Schönheit gar zum Sujet erhob – zweifellos zwei Kompositionen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zum einen die unerhört gewichtige Sinfonia N. 9 für gemischten Chor und Orchester nach Anna Seghers Roman "Das Siebte Kreuz", die am 11. September 1997 in Berlin uraufgeführt und vom Komponisten "Den Helden und Märtyrern des deutschen Antifaschismus gewidmet" wurde: Eine fanalartige Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte, die den euphorischen Zeitgeist der neuen deutschen Republik entschieden kontrapunktierte und dabei die von Thomas Mann in Doktor Faustus entworfene Idee einer Zurücknahme von Beethovens Neunter eindrucksvoll realisierte – "ein extrem unbequemes Mitbringsel des ehemaligen Deserteurs".24 Sodann Henzes gänzlich anders temperierte, im Gestus eher intermezzoartige letzte Oper Gisela! oder: die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks, die für die Ruhrtriennale 2010 in Essen entstand und die Geschichte von der Oberhausener Kunststudentin Gisela erzählt, die mit ihrem Freund nach Neapel reist und sich dort in den Süden und in Gennarino verliebt, den Pulcinella-Darsteller einer Commedia dell’Arte-Truppe. Man hat den Eindruck, als wollte hier Henze, rückblickend auf sein Leben und hinter heiter-komischen Pulcinellamaskeraden versteckt, auch ein klein wenig seine eigene Geschichte erzählen – in einem Werk, das er so ausdrücklich wie vielsagend als "eine Gabe an meine Heimat"25 bezeichnete. "Ein typisches Henze-Motiv – das rettende Italien im Kontrast zum kühlen Deutschaland",26 konstatierte seinerzeit das Feuilleton lapidar. Doch am Ende der Oper kommt es zur erstaunlichen Überblendung der beiden so polarisierenden Wahrnehmungsebenen und bricht traumspielartig-surreal, inmitten des verschneiten Oberhausens, der Vesuv aus. "Aber nicht mit Asche und Bedrohlichkeit", wie Henze kommentierte, "sondern als ein Freudenfeuer."27

 

 

4. Epilog

 

"Ein Italiener habe ich nicht werden können", resümierte Henze in seiner Münchner Rede über das eigene Land seinen Zwiespalt als deutscher Wahl-Exilant in Italien: "Ich bin ein altmodischer Deutscher geworden, der sich aus der Ferne ein wunderbares Deutschland vorstellt, ein Land ohne Hass und Gewalt, ein Land ohne Armee und Polizei, ein Land, in dem die Künste eine gute Zeit hätten, ein ganzes Land als musisch-anthroposophisch-anthropologisches Gymnasium." Und er bekannte: "Ich wünsche mir, dass ich eines Tages mein Land wiederfinde und wieder zu lieben vermöchte."28 Wer Hans Werner Henze in seinen letzten Jahren auf seinen Reisen in Deutschland begegnen durfte – etwa bei den Leipziger Uraufführungen des Lobgesangs Elogium Musicum auf seinen verstorbenen Lebensgefährten Fausto Moroni 2008 oder der Pfingstmusik An den Wind 2012 für den Thomanerchor29 –, der konnte den glücklichen Eindruck gewinnen, dass Henze mit sich und mit seinem Land und mit den Menschen, die in diesem Land lebten, versöhnt schien. Fast wirkt es wie ein Wink des Schicksals, dass es eine weitere Reise in sein "erstgeborenes Land" (Ingeborg Bachmann) sein sollte – anlässlich der Uraufführung seiner Ouverture zu einem Theater im Oktober 2012 nach Berlin und eines Henze-Schwerpunkts der Sächsischen Staatskapelle nach Dresden –, auf der Henze, 86-jährig, am 27. Oktober 2012 in Dresden verstarb. Auf dem städtischen Friedhof von Marino aber, unweit seines italienischen Landsitzes, den er länger als ein halbes Jahrhundert bewohnt hatte, fand er seine letzte Ruhe.

 

 



  1. Hubert Stuppner, Endzeit-Sonate. Frankenstein oder Die Minnesänger des Untergangs. Eine Satire, ein Totentanz, eine Parabel, Regensburg 1999, S. 207-209 (hier in Ausschnitten zitiert).
  2. Hans Werner Henze, Reiselieder mit böhmischen Quinten. Autobiographische Mitteilungen 1926-1995, Frankfurt/ Main 1996, S. 139.
  3. Henze, Reiselieder, S. 148.
  4. Ebd., S. 226.
  5. Hans Werner Henze, Musik und Politik. Schriften und Gespräche 1955-1984, mit einem Vorwort hg. v. Jens Brockmeier, erweiterte Neuausgabe München 1984, S. 96.
  6. Ebd., S. 97.
  7. Hans Werner Henze, Die Englische Katze. Ein Arbeitstagebuch 1978-1982, Frankfurt/ Main 1983, S. 322.
  8. Henze, Reiselieder, S. 540.
  9. Ingeborg Bachmann/ Hans Werner Henze, Briefe einer Freundschaft, hg. v. Hans Höller, mit einem Vorwort v. Hans Werner Henze, S. 124.
  10. Henze, Die Englische Katze, S. 321.
  11. Bachmann/ Henze, Briefe einer Freundschaft, S. 144.
  12. Henze, Musik und Politik, S. 34.
  13. Henze, Reiselieder, S. 564 f.
  14. Bachmann/ Henze, Briefe einer Freundschaft, S. 265.
  15. Henze, Musik und Politik, 34.
  16. Ebd., S. 66.
  17. Ebd., S. 37.
  18. Hans Werner Henze, Musiksprache und künstlerische Erfindung, in: Musik und Mythos. Neue Aspekte der musikalischen Ästhetik V, hg. v. H. W. Henze, Frankfurt/ Main 1999, S. 116-136; hier: S. 120.
  19. Bachmann/ Henze, Briefe einer Freundschaft, S . 167.
  20. Henze, Musik und Politik, S. 376. Vgl. hierzu sowie zu Henzes Schönheitsbegriff allgemein meine Aufsätze Augenschmerz und Sonnenhymnen. Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen: Hans Werner Henzes Suche nach Schönheit, in: Neue Zeitschrift für Musik 3/2007, S. 26-31 sowie Roter Faden Schönheit. Versuch über eine Konstante im Werk und Denken von Hans Werner Henze, in: Programmheft der „musica viva“ München, Konzert am 11. Mai 2006 („Zu Ehren von Hans Werner Henze“), S. 4-8.
  21. Wunderbare Gegenwelt. München: H. W. Henzes „Rede über das eigene Land“, in: Münchner Merkur, Nr. 275, 29.11.1993, Nr. 275. Vgl. auch Wahlheimat: Gemeinplatz. Hans Werner Henze sprach in den Münchner Kammerspielen, in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 275, 29.11.1993; Über die eigenen Länder. Münchner Novemberreden: Reich, Kohout, Lessing und Henze, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 278, 30.11.1993.
  22. Hans Werner Henze/ Christian Lehnert, Phaedra. Ein Werkbuch, Berlin 2007, S. 41.
  23. Jens Rosteck, Hans Werner Henze. Rosen und Revolutionen. Die Biographie, Berlin 2009, S. 457.
  24. Max Nyffeler, Hans Werner Henze: Der Westfale. Der Weltbürger, in: Im Laufe der Zeit. Kontinuität und Veränderung bei Hans Werner Henze. Symposium, 8. und 9. September 2001, Alte Oper, Frankfurt am Main, hg. v. Hans-Klaus Jungheinrich, Mainz 2002, S. 63-74; hier: S. 73.
  25. Holger Noltze, Arbeit an der Schönheit. Hans Werner Henze im Gespräch, in: Das Henze-Projekt. Neue Musik für eine Metropole, hg. v. RUHR.2010, Essen 2009, S. 52-55; hier: S. 52.
  26. Claus Spahn, „Die Musik selber muss sagen, wie es weiter geht“, in: Die Zeit, 24.09.2010.
  27. Zit. nach ebd.
  28. Wunderbare Gegenwelt, a.a.O.
  29. Vgl. Rafael Rennicke, Irisierendes Gotteslob. Zu Hans Werner Henzes jüngstem Werk „Elogium Musicum“ für Chor und Orchester, in: Neue Zeitschrift für Musik 1/2009, S. 50-52 sowie ders., Hoffnungshauch wider die Wüstenwelt. Hans Werner Henze verblüfft mit einem Pfingstwerk für den Thomanerchor, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2012, S. 29; ders., Wende ins Hoffnungsvolle. Zu Hans Werner Henzes Werk “An den Wind”, einer Pfingstmusik für den Thomanerchor, in: Neue Zeitschrift für Musik 6/2012, S. 36-39; „Das Credo würde ich nicht vertonen.“ Hans Werner Henze im Gespräch mit Rafael Rennicke, in: MusikTexte 136, Februar 2013, S. 37-39.