Vermittlung Magazin

Gottfried von Einem in der Musikwissenschaft1

ESSAY
Michael Losen

Jg. 1941, wohnhaft in Wien, hat eine kaufmännische, musikwissenschaftliche und musikalische Ausbildung. Bis zu seiner Pensionierung war er im Management eines österreichischen Industriekonzerns tätig. Musikwissenschaftlich befasste er sich mehrere Jahre mit Leben und Werk von Gottfried von Einem, über den er auch eine Dissertation verfasste.

Gottfried von Einem (GvE) war der in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Abstand meistgespielte moderne europäische Komponist der sog. E-Musik. Eine Schätzung aufgrund der zugänglichen Quellen ergab eine Gesamt-Aufführungszahl seiner Werke von 2500 bis 3000 jeweils von der Uraufführung des Werkes bis zum Jahr 2010.2 Weit über 80% dieser Aufführungszahlen fielen auf die 50er und 60er Jahre des 20. Jhdts. Diese großen Erfolge galten damals bereits als sensationell und sind im Licht heutiger Aufführungszahlen moderner Komponisten als unvorstellbar anzusehen.

 

GvEs Erfolgsfaktoren

Die Grundlage für diese Erfolge war eine Mischung von vielen Faktoren, die zum Teil weit über das Musikalische hinausgingen. Es war der Nachkriegshunger nach einer Zeit reduzierter kompositorischer Hervorbringungen und Aufführungsmöglichkeiten, es war das stilistische Anschließen GvEs an die Zwischenkriegsentwicklungen3 4 und im Opernschaffen GvEs war es das Aufgreifen geeigneter Stoffe.5 GvE war bekennender, kämpferischer Vertreter der Tonalität6, zumindest im weiteren Sinn des Begriffes. So kam es zu einer Allianz mit großen Teilen des Opern- und des Konzertpublikums. Dies führte dazu, dass er zumeist in denselben Programmen wie die großen Meister der Klassik und der Romantik aufgeführt wurde, und nicht nur in kleineren Spezialsegmenten moderner Komponisten.

 

Neben musikbezogenen Gründen waren es aber in hohem Maße auch persönlichkeitsbezogene Gründe des Komponisten: GvE war aristokratischer Herkunft, standesbewusst, hochgebildet, extrovertiert, polarisierend und erregte stets mediales Interesse. Beispiele dafür waren: der politische Skandal um seine Entlassung aus dem Direktorium der Salzburger Festspiele aufgrund seiner Bewirkung der Verleihung der österreichischen Staatbürgerschaft an Bertolt Brecht im Jahr 1951, die Gerüchte um die Ernennung zum Wiener Staatsoperndirektor, die Erwirkung eines Kompositionsauftrages für die Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Gründung der Vereinten Nationen in New York 1975 durch den damaligen UN Generalsekretär Kurt Waldheim, der Theaterskandal um die Uraufführung seiner Oper Jesu Hochzeit op. 52 1980, sein aktives Eintreten für den Umweltschutz bei der Besetzung der Hainburger Au 1984 und andere Ereignisse.7 GvE stand in der Kulturpolitik und in der Standespolitik durch die Übernahme zahlreicher Leitungsfunktionen an vorderster Stelle.8 Verbunden mit seinen genialen Fähigkeiten als Netzwerker konnte er sich auf diese Weise große Aufführungserfolge sichern.

 

Angestellte Rezeptionsanalysen für große Chor-Orchesterwerke9 ergaben zwar stets ein Überwiegen der positiven Beurteilungen, jedoch überraschenderweise auch einen hohen Anteil der negativ-kritischen Stimmen. Auffallend war der hohe Anteil der extremen Meinungen in beiden Richtungen. GvE polarisierte somit nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch durch seine Musik. Völlig einheitliche Beurteilung gab es, was den hohen Gehalt an Dramatik seiner Musik anbelangt, ebenso wie seine außerordentliche kompositorische "Handwerkskunst".

 

Eine weiterführende Analyse der Erfolgsfaktoren in systematischer Form wäre eine lohnende Zukunftsaufgabe der Musiksoziologie.

 

Leben und Schaffen GvEs10

GvE wurde 1918 als Sohn des Diplomaten William von Einem und seiner Frau Gerta Louise, Baronin Rieß von Scheurnschloß, in Bern geboren. Sein leiblicher Vater war Laszlo, Graf Hunyady. Kindheit und Jugend verbrachte GvE in Schleswig-Holstein, wo er seine Schulausbildung absolvierte. Er war bereits als Kind künstlerisch interessiert, durchlief aber keine abgeschlossene Ausbildung als Berufsmusiker, wenn man von der kurzen Kompositionslehre bei Boris Blacher ab 1941 und den Kontrapunktstunden 1945 in Salzburg bei Johann Nepomuk David absieht.

 

Ab 1938 ließen sich die Einems in Berlin nieder, wo GvEs Mutter gute gesellschaftliche Verbindungen in höchste politische und künstlerische Kreise pflegte. Auf Vermittlung des Wagner-Tenors Max Lorenz stieg GvE als Assistent Heinz Tietjens und Korrepetitor an der Berliner Oper und bei den Bayreuther Festspielen ein und wurde dadurch vom Militärdienst befreit.

 

Ab 1942 entstanden erste Kompositionen von Orchesterwerken und Ballettmusiken, die bereits große Erfolge brachten.

Die letzten Kriegsmonate verbrachte GvE komponierend auf einem Anwesen der Familie in der Steiermark und widmete sich bereits seiner Oper Dantons Tod nach dem Stoff von Georg Büchner.

1946 war er Berater, sodann Mitglied des Salzburger Festspieldirektoriums und konnte zahlreiche Reformen dieser Institution einleiten. Die Uraufführung 1947 seiner Oper Dantons Tod op. 6, textlich eingerichtet durch Boris Blacher, wurde ein Sensationserfolg11 und schuf auch durch zahlreiche Inszenierungen12 auf ausländischen Bühnen einen internationalen Durchbruch. Diese Erfolge konnte GvE durch weitere Opern-, Orchester- und Chorkompositionen in den folgenden Jahren weiterführen.

Von 1963 bis 1972 übernahm GvE eine Professur für Komposition an der Wiener Musikhochschule.

 

1962 starb GvEs Frau Lianne von Bismarck, mit der er seit 1946 verheiratet war. Ihr gemeinsamer Sohn Caspar wurde 1948 geboren. GvE heirate 1966 seine zweite Frau, die Schriftstellerin Lotte Ingrisch, mit der er ab 1973 teilweise, und ab 1977 dann ständig im Waldviertel wohnte. 1977 übergab er seinen gesamten Vorlass dem Archiv der Gesellschaft der Musikfreude in Wien13 und ergänzte ihn jährlich bis zu seinem Tod. Danach und bis heute beherbergt das Archiv des Musikvereins GvEs Nachlass.

 

Anders als im Schaffen anderer Komponisten dominierten zu Beginn die großen Formen (Oper, Orchesterwerke, Konzerte für Soloinstrumente und Orchester), bes. was die Aufführungserfolge anbelangt. Erst später wandte sich GvE verstärkt der Kammermusik14, dem Liedschaffen und den Werken für Soloinstrumente zu.

Ebenso ungewöhnlich im Vergleich mit anderen Komponisten, deren Erfolgshöhepunkte nach mehr oder weniger langen Aufbauphasen erst im späteren Schaffensverlauf liegen, ist der Erfolgsverlauf bei GvE. Seine künstlerischen Höhepunkte setzten praktisch schlagartig und ohne lange Vorbereitungsphasen Ende der 40er Jahre ein. Sie waren selbst für damalige Verhältnisse außergewöhnlich und währten daher auch nur begrenzte Zeit. In der Reifeperiode erlebte die Musikwelt einen Spannungsabfall GvEs. Während sich die Musikverlage anfangs angesichts der großen Aufführungszahlen seiner Werke sehr um GvE bemühten, und GvE dies auch durch ständige Optimierung der Bedingungen und Wechseln der Verlage ausnutzte, musste er später große Anstrengungen unternehmen, um für bestimmte Werke überhaupt einen Verlag zu finden. Ab op. 82 war es nur mehr das Verlagshaus Doblinger, das fast alle Werke bis zum Tod GvEs unter Vertrag nahm, bei den späteren Werken musste GvE dafür finanzielle Druckkostenbeiträge leisten.15

Immerhin konnte GvE aber durch seine persönlichen Aktivitäten sicherstellen, dass praktisch alle seine Werke uraufgeführt wurden, da sie zumeist auf Auftrag entstanden waren, und dass sie alle im Druck aufliegen.

 

Charakteristisch für GvE als "Frühstarter" und sein Verblassen bereits in mittleren Jahren ist die Aussage seines Schülers, des heute bedeutenden zeitgenössischen Komponisten HK Gruber: "Und seine frühe Musik wird bleiben – daran glaube ich."16

 

Das Werkverzeichnis GvEs17 beinhaltet 111 Opuszahlen, die von GvE selbst vergeben wurden und ein Fragment „op. posth“, sowie zwei Bearbeitungen ohne Opuszahl. Darüber hinaus gibt es 8 Schauspielmusiken18, die im Werkverzeichnis nicht erfasst sind.

Die herkömmlichen Gattungen sind wie folgt vertreten: 8 Opern, 4 Sinfonien, 21 andere Orchesterwerke, 2 Klavierkonzerte, 1 Violinkonzert, 1 Orgelkonzert, 1 lateinische Messe, 5 Ballette, 8 Chorwerke, 22 Liedzyklen, 5 Streichquartette, weitere Kammermusik für Streicher-, Bläser- und gemischte Ensembles sowie Soloinstrumente.

 

Es war das Bestreben GvEs, zunächst sämtliche "herkömmliche Genres" mit Kompositionen abzudecken, selbst eine Messkomposition (op. 83)19 ist darunter, sowie das – nicht finalisierte - Projekt einer Requiemkomposition.20 Es war aber auch sein Anliegen, ständig neue Gattungen und Besetzungsvarianten  zu "erfinden" und nicht zu oft einen bestimmten Werkstypus zu bearbeiten. Dadurch zeigt das Werkverzeichnis 16 Werksgruppen, verbunden mit den daraus resultierenden Schwierigkeiten der Zuordnung bestimmter Werke.

 

GvE starb 1996 in Oberdürnbach im Waldviertel.

 

GvE und die Musikwissenschaft

Obwohl GvE über einen längeren Zeitraum in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts der mit Abstand meist gespielte zeitgenössische europäische Komponist war, wurde seine Präsenz in der Musikwissenschaft sowohl während seines Lebens als auch danach nicht dieser Bedeutung gerecht. Die Gründe dafür sind zweifach: einerseits betrachtete GvE die Musikwissenschaft geringschätzig, in Interviews antwortete er ausweichend, Analysen seiner Werke mochte er nicht und betreute die seine Werke erforschenden Musikwissenschafter – im Unterschied zu den Musikjournalisten – ungenügend.  Bezeichnend ist der Fall eines  Musikwissenschafters, der eine ausgezeichnete Dissertation über GvE verfasste, ohne jemals Zugang zu den Unterlagen des GvE Vorlasses gehabt zu haben.21 

 

Andererseits betrachtete die Musikwissenschaft den Komponisten GvE wegen seines tonalen Kompositionsstils geringschätzig; er schien ihr weniger attraktiv als die damaligen stilistischen Moden (Serialismus, Aleatorik, Darmstadt, Donaueschingen etc). So muss das Verhältnis GvE – Musikwissenschaft als wenig fruchtbar bezeichnet werden und am Lebensende GvEs stellte sich eine bemerkenswerte Leere an musikwissenschaftlicher Sekundärliteratur heraus. Einträge in enzyklopädischen Werken waren spärlich, ebenso Werkbeschreibungen und biografische Beiträge. Es gab zwar Biografien GvEs, diese waren aber nicht rezent (Hartmann 1967, Saathen 1982), nur wenige Aspekte des Lebens und Schaffens betrachtend (Eickhoff 1998), bzw. erzählerisch und nicht wissenschaftlich (Einem Autobiografie 1995).

 

Dieser Umstand ist erstaunlich, zumal eine wichtige Voraussetzung für eine aktive musikwissenschaftliche Bearbeitung von Leben und Werk GvEs gegeben ist, nämlich ein umfangreicher Bestand an Primärmaterial:

ein großer Bestand an Korrespondenzstücken an GvE im Vor- / Nachlass des Komponisten,22

eine nahezu vollständige Autografensituation der Werke, sowie deren Drucklegung, und

eine umfangreiche Dokumentation über Aufführungen durch Programmhefte und Rezensionen.

 

Bald nach dem Tod GvEs veranstaltete die Gottfried von Einem Musik – Privatstiftung den Gottfried von Einem Kongress 1998, eine sehr hoch einzuschätzende organisatorische und musikwissenschaftliche Leistung, weil er eine Konzentration und Bündelung der musikwissenschaftlichen Forschung über GvE brachte, und darüber hinaus auch noch zahlreiche Sekundärliteraturbeiträge generierte, was in einem ausgezeichneten Kongressbericht Zusammenfassung fand.23 Danach wurden keine musikwissenschaftlichen Aktivitäten mehr gesetzt, wenn man von meiner Arbeit in den Jahren 2008-2010 bzw. von der Herausgabe einer Unterrichts-DVD24 absieht.

 

GvE befindet sich derzeit in einem "Rezeptionsloch", wie es vielen bedeutenden Komponisten der letzten Jahrhunderte nach ihrem Tod ergangen ist. Mit viel Engagement gelingen heute noch hin und wieder Aufführungen, die sich jedoch mit dem Ableben der heutigen Proponenten möglicherweise von selbst aufhören werden. Danach wird die Wahrscheinlichkeit, dass der Komponist  GvE aufgegriffen und aufgeführt wird, im günstigsten Fall das Rezeptionsloch ein Ende findet, vielleicht sogar Eingang in ein bestimmtes Repertoire gefunden wird, davon abhängen, wie stark die Verankerung GvEs in der musikwissenschaftlichen Literatur und in den Tonträgern ist. Diese Verankerung in der musikwissenschaftlichen Literatur bleibt heute weit hinter der anderer großer Komponisten des 20. Jahrhunderts zurück, und im ungünstigen Fall droht künftig dauerhaftes Vergessen mangels Dokumentation.

 

In der Folge sollen Maßnahmen aufgezeigt und vorgeschlagen werden, die  geeignet sind, die heutigen Defizite zu beheben. Dabei geht es weniger um einen finanziellen Mitteleinsatz, vielmehr um den Einsatz von musikwissenschaftlicher Expertise und Engagement im Rahmen einer mehrjährig geplanten Vorgehensweise.

 

Primärquellen

Eine wichtige Primärquelle stellt der GvE-Nachlass dar, der derzeit vom Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien verwaltet wird. Die Hauptbestandteile sind:

- GvE-Notenmaterial: GvEs Werk ist nahezu vollständig in Druck gegangen, die Autografe sind fast vollständig erhalten.

- GvE-Briefe: Die Befassung mit dem Komponisten ergibt den erfreulichen Umstand, dass enormes Primärmaterial in der Form von Korrespondenzstücken an ihn vorhanden ist. In meiner Suche nach den Gegenbriefen aus der Hand des Komponisten bin ich zumeist bei den damaligen Briefpartnern bzw. ihren Nachfahren fündig geworden. Einen sehr großen Bestand an Kopien von GvE-Briefen (geschätzt 1000 – 2000) habe ich im Saathen Nachlaß25 in der Wienbibliothek eingesehen. Darüber hinaus konnten Briefbestände bei vielen Privaten ausgemacht werden. Solange GvEs Briefpartner noch leben, besteht die Möglichkeit, diese Bestände zu lokalisieren und zu verwerten. Nachdem GvE ein begnadeter Briefschreiber war, und viele seiner Korrespondenzpartner es auch sind bzw. waren, könnte an die Herausgabe ausgewählter Briefe gedacht werden, bzw. eine solche Herausgabe nach dem Ableben der Briefpartner vorbereitet werden. GvE sagte einmal, er glaube, in seinem Leben etwa 30.000 Briefe geschrieben zu haben26, eine Größenordnung, die nach meiner langen Befassung mit GvE-Quellenmaterial zutreffen dürfte und in etwa dem Volumen der an ihn gerichteten Schreiben entsprechen könnte.

- GvE-Kompositionsskizzen: dieser Komplex ist völlig unübersichtlich. GvE hatte zu seinen eigenen Skizzen eine gespaltene und oft wechselnde Meinung. Teile hat er vernichtet, andere Teile hat er verschenkt. Ein Bestand von 2 Kartons mit ca. 300-400 Skizzen ist in seinem Nachlass vorhanden. Ein Versuch, diese noch zu seinen Lebzeiten zu sichten und zuzuordnen ist nach einigen Monaten durch GvE selbst wieder abgebrochen worden. Größere Bestände an Skizzen liegen in der Musiksammlung der ONB.27 Es kann nicht gesagt werden, ob die Befassung mit den vorhandenen Skizzen ergebnisträchtig ist, dies ist jedenfalls zu überlegen.

- Tonträger: Trotz der hohen Aufführungszahlen zu Lebzeiten GvEs gab und gibt es im Handel überraschenderweise sehr wenige Werke auf Tonträgern. Da eine fundierte Werkanalyse wohl kaum ohne den Klangeindruck von einem Tonträger durchführbar ist, wurde begonnen, Mitschnitte aus dem Rundfunk und aus Archiven von Veranstaltern zusammenzutragen.  Das Auffinden und Erhalten solcher Tondokumente ist nicht ganz einfach, könnte und sollte jedoch aktiv betrieben werden. Dabei ist die urheberrechtliche Situation zu beachten.

 

Diese beschriebenen großen Bestände des GvE-Nachlasses sind jedoch für den Forscher nur unter erschwerten Bedingungen nutzbar: die Bestände sind nicht inventarisiert, eine Digitalisierung derselben steht noch aus, Suchvorgänge gestalten sich mangels Überblick über die Bestände langwierig. Forschungsarbeiten über GvE sind, trotz der erwähnten günstigen Voraussetzungen, in der Praxis wenig attraktiv. Hier ist auf Verbesserungen zu hoffen.

 

Sekundärliteratur

GvEs Leben und Werk ist durch musikwissenschaftliche Sekundärliteratur nur punktuell abgedeckt, und es sollte das Bestreben sein, den Grad der Abdeckung zu steigern. Die wichtigsten Notwendigkeiten sind hier:

- Herausgabe eines vollständigen und korrekten Werkverzeichnisses, wenn möglich eines thematischen Werkverzeichnis mit Incipits. Hier erweist sich als gute Voraussetzung, dass GvEs Tonsprache grundsätzlich tonal war und daher die herkömmliche Notenschrift für Incipits geeignet ist. Als ungünstig stellt sich heraus, dass GvE mehrfach die Verlage wechselte.28

- Umfangreiche Einträge in allen relevanten Enzyklopädien und Übersichtswerken. Hier erweist sich GvEs skeptische Haltung der Musikwissenschaft gegenüber als Grund für die spärliche Dichte. Nachdem GvE praktisch alle Musikgenres der E-Musik bearbeitete, muss getrachtet werden, ihn auch in allen Spezialführern (Kammermusik, Klaviermusik, Liedwesen, Chormusik etc.)  aufscheinen zu lassen.

- Datenbankmäßige Erfassung und Digitalisierung des gesamten Bestandes des GvE-Nachlasses, sodass der Bestand für die Wissenschaft zeitgemäß erfasst ist. Dies betrifft Autografe, Skizzen, Korrespondenz, Aufführungsprogramme, Aufführungskritiken, Tonträger etc.

- Fortsetzung der Abdeckung des Schaffens durch werksbezogene Analysen, Beschreibungen, Entstehungs-, Aufführungs- und Rezeptionsgeschichten der Werke und der Werksgruppen. Hier sollte der Weg von unten nach oben führen, dh. es sollte bei vertieften, detailgenauen Einzel-Werksbeschreibungen angesetzt werden.

- Quer durch die Werke sollten die wenigen stilistischen Untersuchungen weitergeführt werden, um eine Einordnung des Komponisten und seines Personalstils  in die Musik des 20. Jhdts und ihre verschiedenen Ausprägungen zu versuchen. Die vorhandenen, zum Teil guten musikwissenschaftlichen Studien über einzelne Werke habe ich soweit möglich in meiner Arbeit erwähnt. Hier könnte weitergearbeitet werden.

- Was die biografischen Aktivitäten anbelangt, so könnten Teilkomplexe bearbeitet werden. Bei dem enormen Bestand an Primärquellen sollte auch hier von unten nach oben gearbeitet werden, dh. vorerst einzelne Lebensphasen, Schaffensphasen etc. zu bearbeiten.

- Letztlich sollte eine Gesamtbiografie GvEs angestrebt werden, wozu der zeitliche Abstand zum Ableben GvEs heute nicht ungünstig gewählt wäre: einerseits ist unsere Zeit noch nahe genug, um Quellenlagen und individuelles Erinnern auszunutzen, andererseits ist sie weit genug entfernt, um kleinliche Emotionen fern zu halten.  Dieser letzte Aspekt ist nicht zu unterschätzen, nachdem das Polarisieren Teil der Persönlichkeit des Meisters war, wodurch er Zeit seines Lebens die Gemüter erhitzt hat.

 

Fazit

Aufgrund der Bedeutung GvEs in der Aufführungsgeschichte des 20. Jahrhunderts und der sonderbaren Zyklik seines rasanten Aufstieges und seines frühen Verblassens, aber auch aufgrund des Zusammenwirkens von musikalischen mit persönlichkeitsbezogenen Faktoren wäre es Wert, dass sich die Musikwissenschaft GvEs als Forschungsobjekt in stärkerem Maße annimmt. Dies war während des Lebens GvEs aus Gründen, die zum großen Teil an seiner Persönlichkeit lagen, nicht möglich. Die Zeit für das Aufholen von Versäumtem ist aber noch nicht zu spät. Vielleicht wäre der 20. Todestag im Jahre 2016 oder der 100. Geburtstag GvEs im Jahre 2018 dazu eine gute Gelegenheit, in einem zweiten GvE-Kongress musikwissenschaftliche Aktivitäten zu bündeln und sie durch konzentrierte Aufführung ausgewählter Werke zu umrahmen. 

 

 

  1. Die Inhalte des ersten Teils des folgenden Beitrages wurden entnommen aus: Michael Losen: „Gottfried von Einem. Die Chorwerke. Analysen der Chorwerke sowie biografische Beiträge“. Wien 2013 (Dissertation an der Universität Wien). In der Folge zitiert mit „Michael Losen: GvE“. Die Arbeit beinhaltet auch eine umfangreiche Bibliografie, eine Diskografie sowie Auflistungen und Quellenangaben für künftige Forschungstätigkeiten.
  2. Michael Losen: GvE S. 34
  3. Martin Bresnick: The Music of Gottfried von Einem: Neither Modern nor Postmodern. In: Hrsg. Ingrid Fuchs: Gottfried von Einem - Kongress. Wien 1989. Kongressbericht. Tutzing 2003, S. 61ff.
  4. Michael Losen: GvE S. 360ff.
  5. Gerhard Kramer: Einems Opernschaffen im Kontext seiner Zeit. In: Hrsg. Ingrid Fuchs: Gottfried von Einem - Kongress. Wien 1989. Kongressbericht. Tutzing 2003, S. 137ff.
  6. Sammlung von Zitaten GvEs im Hinblick auf seine Haltung zur Tonalität: Michael Losen: GvE S.361f
  7. Siehe dazu die gesammelten Nachrufe im GvE Nachlass im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.
  8. Michael Losen: GvE. S. 633.
  9. Michael Losen: GVE S. 125, 212 und 588.
  10. Gefolgt wird primär Thomas Leibnitz: Lebenslauf Gottfried von Einems, in: http://www.einem.org/de/komp_ll.htm, Stand: 10.05.2013, aber auch: Hartmann, Dominik: Gottfried von Einem. Rowohlts Monografien, Wien 1967; Saathen, Friedrich: Einem – Chronik. Dokumentation und Deutung. Wien et al. 1982; Einem, Gottfried von: Ich hab´ unendlich viel erlebt. Aufgezeichnet von Manfred A. Schmid. Wien 1995. (Autobiografie); Michael Losen: GvE.
  11. Thomas Eickhoff: Politische Dimensionen einer Komponistenbiographie im 20. Jahrhundert. Gottfried von Einem. Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft, Band XLIII, hrsg. von Hans Heinrich Eggebrecht. Stuttgart 1998. S. 189ff.
  12. Nach eigenen Erhebungen erlebte „Dantons Tod“ in wenigen Jahren Inszenierungen an 51 Opernhäusern der Welt, was damals bereits als sensationell eingestuft wurde und die Begründung dafür lieferte, dass GvE primär mit seinen ersten musikdramatischen Werk identifiziert wurde. Nach eigener Plausibilisierung dürften etwa ein Viertel bis ein Drittel der gesamten Aufführungszahlen GvEs auf diese Oper gehen.
  13. Biba, Otto: Gottfried von Einem im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. In: ÖMZ, Jg. 43, 1988, S 113-116.
  14. GvEs erstes von fünf Streichquartetten wurde erst 1976 geschrieben.
  15. Siehe dazu Michael Losen: GvE S. 407 und 624f.
  16. Andrea Seebohm: Gottfried von Einem (1918-1996). Interview mit HK Gruber. In:  ÖMZ – Österreichische Musikzeitschrift. Wien, Jg. 61 (2006), Heft 7, S.29.
  17. Hrsg. Gottfried von Einem Musik – Privatstiftung: Gottfried von Einem (1918 – 1996). Werkverzeichnis. Wien 1997
  18. Friedrich Saathen: Einem – Chronik. Dokumentation und Deutung. Wien et al. 1982.
  19. Michael Losen: GvE S. 272ff.
  20. Michael Losen: GvE S. 435ff.
  21. Michael Losen: GvE S. 25
  22. Die von mir durch aktives Suchen gefundenen Korrespondenzstücke aus der Hand GvEs habe ich in meiner Arbeit aufgelistet. Diese Suche war sehr ergiebig, viele und umfangreiche weitere Quellen sind zu vermuten. Ein großer Bestand an gefundenen (und ein noch viel größerer, noch zu vermutender Bestand) an Korrespondenzstücken aus der Hand GvEs, im Original oder in Kopie, meist gut leserlich und datiert.
  23. Hrsg. Fuchs, Ingrid: Gottfried von Einem - Kongress. Wien 1989. Kongressbericht. Tutzing 2003.
  24. Licht in den Ohren – Der Componist Gottfried von Einem“. Materialien und Konzepte für den Musikunterricht, hrsg. Vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur 2008.
  25. Nachlass des Musikwissenschafters, Musikredakteurs und GvE-Biografen Friedrich Saathen in der Wienbibliothek. Siehe dazu Michael Losen: GvE S. 449ff.
  26. Einem, Gottfried von: Ich hab´ unendlich viel erlebt. Aufgezeichnet von Manfred A. Schmid. Wien 1995. (Autobiografie).   S. 378.
  27. Österreichische Nationalbibliothek, Wien, Musiksammlung.
  28. GvEs Werke wurden durch 17 Verlage verlegt. Siehe Michael Losen: GvE S. 626