Vermittlung Magazin

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Peter Eötvös’ Oper "PARADISE RELOADED (LILITH)"

WERKPORTRAIT
Axel Petri-Preis

studierte Musikerziehung, Germanistik und Musikwissenschaft in Wien. Musikerzieher, Autor von musikwiss. Texten und Einführungstexten und Dramaturg (Neue Oper Wien). Leiter der Musikvermittlung und redaktioneller Leiter von terz.

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Nur mit großer Selbstbeherrschung kann Lucifer seine Wut unterdrücken, als er nach seiner Verstoßung aus dem Himmel einen Abschiedsbrief an Gott verfasst.


Noch während er seinen Vorwurf formuliert, Gott sei ein Feigling und kämpfe wie ein Kind, schleicht sich unmerklich eine zweite Verstoßene heran. Sie wird Lucifer noch einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen.

 

 

1 Der Opernkomponist Peter Eötvös

 

Alles, was ich mache, hat eine sehr starke

Beziehung zum Theater. Ich glaube, was mir immer

vorschwebt, ist eine Art Theater mit

Hilfe der Musik zu realisieren.

(Peter Eötvös)

 

Liebe zum Theater sei es, die ihn in seinem kompositorischen Schaffen antreibe, so Peter Eötvös, denn Musik sei für ihn in erster Linie ein Medium zur Kommunikation, zur Vermittlung von Gefühlen.

Aufgewachsen in Miskolc, Nordungarn, zog der erst 14-jährige Eötvös nach Budapest, wo er als eines von fünf jungen Talenten an die Musikakademie aufgenommen wurde. Seine Musik für ein Filmprojekt der Hochschule fand bald darauf derart großen Anklang, dass Eötvös sich vor Aufträgen für Theatermusik kaum erwehren konnte. Diese erste Karriere als Theaterkomponist beeinflusste nachhaltig sein kompositorisches Schaffen. Heute zählt Peter Eötvös zu den erfolgreichsten Opernkomponisten der Gegenwart. Werke wie Drei Schwestern, Le Balcon und Angels in America wurden mehrfach inszeniert und international aufgeführt.

 

Seine bislang letzte Oper Die Tragödie des Teufels wurde 2010 an der Bayrischen Staatsoper uraufgeführt. Recht bald nach der Aufführung war Peter Eötvös klar, dass es ihn drängte, den verwendeten Stoff in einer weiteren Oper zu überarbeiten und in eine andere Richtung zu führen. Er rückte die Figur der Lilith (die nun auch im Titel steht) ins Zentrum und bat Walter Kobéra, dem das Werk gewidmet ist, mit der Neuen Oper Wien die Uraufführung auf die Bühne zu bringen.

 

Auffallend ist, dass Eötvös seine Opernstoffe stets aus Klassikern der Weltliteratur destilliert (Tschechow, Genet, ...). In PARADISE RELOADED (LILITH) greift er als textliche Grundlage auf das – häufig als ungarischer Faust titulierte – dramatische Gedicht Die Tragödie des Menschen von Imre Madách zurück.

 

Die gefallenen Engel erkennen in der Gestalt Lilith, die erste Frau Adams, und versuchen vergeblich, Lucifer vor ihr zu warnen. Lilith gibt sogleich eine Kostprobe ihrer Überlegenheit und manipulativen Kraft. Adam sei seine letzte Chance, er müsse ihn finden, raunt sie ihm zu.

 

 

2 Der Teufel im Dilemma

 

Wie seltsam ist aus Gut und Böse
Das Weib gemischt, aus Gift und Honig.
 

(Adam in: Die Tragödie des Menschen)

 

Imre Madách schrieb in nur 13 Monaten sein opus magnum, das dramatische Gedicht Die Tragödie des Menschen. Die Uraufführung fand posthum – 21 Jahre nach seiner Fertigstellung – 1883 am Ungarischen Nationaltheater statt. Obwohl das Werk lange Zeit als nur schwer auf der Bühne zu realisieren galt, wurde es in der Folge unzählige Male übersetzt (es existieren alleine zehn deutsche Fassungen) und gespielt.

 

Lucifer führt in Die Tragödie des Menschen Adam und Eva in 15 Traumbildern durch die Menschheitsgeschichte und gleichzeitig durch die Geschichte des Verhältnisses zwischen Mann und Frau: von den antiken Hochkulturen über das Prag zur Zeit Keplers bis in den Weltenraum und in die Vereisung. Jede Episode führt dem Menschenpaar die grausame Realität vor Augen und endet mit Scheitern. Am Ende kann nur die Ankündigung Evas, sie sei schwanger, Adam in seiner Enttäuschung und Verzweiflung davon abhalten, Selbstmord zu begehen. Der Gedanke an neues Leben gibt ihm Hoffnung.

 

Für Die Tragödie des Teufels verwendete der deutsche Schriftsteller Albert Ostermaier Imre Madáchs Werk als Ausgangspunkt und entwickelte daraus eine – mit Science Fiction Elementen angereicherte - Utopie, an deren Ende der von Lilith befohlene Mord Adams an der schwangeren Eva steht. Zwei gänzlich neue Bilder  (5 und 12) schrieb Ostermaier für PARADISE RELOADED (LILITH). Mari Mezei und Peter Eötvös brachten das Libretto durch Kürzungen, Ergänzungen und Umstellungen schließlich zur finalen Gestalt, in der Lilith, die im Original von Madách nicht vorkommt – nun die zentrale Rolle einnimmt.

 

Lilith und Lucifer finden Adam und Eva im Paradies, wo Lilith Eva die verbotene Frucht überreicht und sie mit der Sehnsucht infiziert, hinter die Spiegel des Paradieses zu sehen. In der Wüste bietet Lucifer Adam eine Wette an: Um zu beweisen, dass die Menschheit ein missratenes Experiment Gottes sei, will er ihn durch die Geschichte der Menschheit führen. Verliert Adam den Glauben an die Menschheit, hat er, Lucifer, gewonnen.

 

 

3  Die Verstoßene

 

Sie sagte zu ihm: Ich will nicht unten liegen.

Er aber sagte: Ich will nicht unten liegen,

sondern oben, denn du bist dazu bestimmt,

unten zu liegen.

(Alphabeth des Ben Sira)

 

Lilith ist Adams erste Frau, gleichberechtigt geschaffen nach dem Angesicht Gottes. „Wir sind beide gleich, weil wir beide aus Erde gemacht sind“, erklärt sie Adam und konfrontiert ihn mit ihrem Wunsch, beim Geschlechtsverkehr nicht unten liegen zu wollen.  Als Adam auf seiner überlegenen Position beharrt, spricht sie den geheimen Namen Gottes aus und fliegt ans Rote Meer. Dort gebiert sie fortan Dämonen und tötet Neugeborene. Adam beklagt sich bei Gott über die widerspenstige Frau und der Herr sendet drei Engel zu Lilith, die sie überreden sollen zurückzukehren. Dies verweigert Lilith. Lediglich ein Zugeständnis macht sie: Kinder, die ein Amulett mit den Namen der drei Engel tragen, will sie verschonen.

 

Diese Erzählung von Lilith als starke, selbstbestimmte, aber auch rachsüchtige und kindermordende Frau, die Adam nicht unterlegen sein will, stammt aus dem Alphabeth des Ben Sira, einem mittelalterlichen Midrasch (erzählende rabbinische Auslegung eines religiösen Textes, Anm.). Der Text nimmt zum Ausgangspunkt die zwei Schöpfungsberichte der Genesis. Dort heißt es in 1:27: "Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib." Nur wenig später in Genesis 2:22 ist zu lesen: "Und Gott der Herr baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm." Heute ist geklärt, dass im Zuge der Kanonisierung der Bibel Schöpfungsberichte aus zwei verschiedenen Zeiten und Milieus in das alte Testament Eingang fanden. Der anonyme Autor des Alphabeth des Ben Sira jedoch schloss daraus, dass vor Eva, die aus der Rippe Adams geschaffen wurde, bereits eine Frau existiert haben muss.

 

In Lilith, der in diesem berühmt gewordenen Text die Rolle der ersten Menschenfrau zugewiesen wird, wählte der Autor des Alphabeth des Ben Sira eine Figur, die in der Mythologie eine lange Tradition aufweist. Im Gilgamesch-Epos (2. Jahrtausend vor Christus) ist sie die Windgöttin, die ihr Haus im Weltenbaum hat und auf Befehl der Göttin Inanna von dort in die Steppe vertrieben wird. Das altbabylonische Burney-Relief könnte die erste bildliche Darstellung dieser Göttin Lilitu sein. Darauf ist sie mit Vogelfüßen und Flügeln zu sehen. Die Jerusalemer Bibel erwähnt Lilith an zwei Stellen in Jesaja und Hiob als bedrohlichen Dämon. Martin Luther verbannte Lilith schließlich aus der Bibel, indem er ‏‏Lilith mit "Nachtgespenst" übersetzte. Talmudische Quellen aus dem 3. bis 5. Jahrhundert warnen vor Lilith als Männer verführendem und Kinder schwächendem Dämon.

Im Sohar, dem großen Buch der Kabbala aus dem 14. Jahrhundert nach Christus, wird die Erzählung von Lilith wieder aufgenommen und um eine Dimension erweitert. Lilith wird hier in Beziehung zu Samael (in der nachtalmudischen Tradition der gefallene Engel), also zum Teufel, gesetzt. Gemeinsam mit ihm bildet sie das unheilige Paar. Die Wiederentdeckung der Lilith in jüngerer Zeit ist dem Feminismus zuzuschreiben, der in Lilith das Gegenteil zur biblischen Eva sah, die für das patriarchale System stand, und sie zum Symbol der gleichberechtigten, selbstständigen Frau erhob. Peter Eötvös fasziniert die Figur Lilith bereits seit Langem und so baute er ihre Rolle in PARADISE RELOADED (LILITH) im Vergleich zur Tragödie des Teufels wesentlich stärker aus. Besonders reizt ihn die Hypothese, wie unsere Gesellschafft beschaffen wäre, wenn statt Eva Lilith die Rolle der Urmutter zugefallen wäre.

 

Lucifer führt das Menschenpaar in einer Traumreise durch die Gegenwart und Zukunft der Menschheit. Die Szenen sind geprägt von Gewalt, Krieg und schließlich totaler Gleichschaltung. Immer weniger ist Lucifer Herr der Lage, denn Lilith strebt mit allen Mitteln danach, Eva zu töten und Adam wieder für sich zu gewinnen. „Es muss zu Ende gehen“, ruft Adam desillusioniert aus.

 

 

4 Der gefallene Engel

 

Wie bist du vom Himmel gefallen,

du schöner Morgenstern? (...)

Du aber gedachtest in deinem Herzen:

Jch will in den Himmel steigen

und meinen Thron über die Sterne Gottes erhöhen.

(Jesaja 14,12)

 

Träger des Lichts, Gottheit, die den Tag heraufführt und Personifikation des Morgensterns. So begegnet uns Lucifer in der römischen Mythologie. Dieser Gott, den die antiken Griechen Phosphorus nannten, erfährt im Christentum eine erstaunliche Wandlung. Hier ist er der Anführer einer Rebellion der Engel gegen Gott. Da er Gottgleichheit anstrebt, wird er aus dem Himmel verbannt. Interessanterweise wird dabei der Name Lucifer in der Bibel nie erwähnt, sehr wohl aber Satan, mit dem Lucifer im Christentum schließlich gleichgesetzt wird. Eng mit Lucifer verwandt ist Samael, der verschiedentlich ebenfalls als Anführer der rebellischen Engel genannt wird. In der jüdischen Mystik bildet Samael mit Lilith das unheilige Paar.

 

Lucifer stellt Lilith zur Rede, möchte wissen, welche Ziele sie verfolgt. Sie betont, dass sie niemandem, auch nicht dem Teufel, untertan sei. Zurück in der Wüste, wo Lucifer Adam bereits die Wette anbot, lässt sich Lilith vom ohnmächtigen Adam schwängern und will Eva vergiften. Ein letztes Mal versucht Lucifer verzweifelt, die Macht wiederzuerlangen, indem er Eva nicht sterben lässt. Adam packt Eva und will mit einer Düsenkonstruktion der Welt entfliehen.


 

5 PARADISE RELOADED (LILITH)

 

Beginnen wir ein neues Geschlecht,

von Gleich zu Gleich.

(Lilith zu Adam, PARADISE RELOADED (LILITH))

 

Hypothetische Frage: Was, wenn nicht Eva die Urmutter unserer Zivilisation geworden wäre, sondern Lilith? Nicht die aufopfernde, mütterliche, reine, sondern die willensstarke, unabhängige, rebellische Frau? Wie sähe sie aus, diese andere Gesellschaft, die von allem Anfang an auf Gleichberechtigung fußte?

Peter Eötvös geht es in seiner Oper nicht um eine Antwort auf diese Frage, vielmehr ist sie der gedankliche Rahmen seines Werkes. Lilith will Eva töten, Adam zurückgewinnen und neu beginnen. Lucifer ist ihr bei diesem Vorhaben ein willkommener Handlanger. Sie ist es, die ihm den Gedanken einflüstert, Adam herauszufordern. Und sie ist es auch, die das Heft immer mehr an sich reißt, die manipulativ und raffiniert die Figuren führt und die Handlung bestimmt. Lucifer stürzt in ein Dilemma und entscheidet sich zum Rückzug. Angesichts des Bösen in der Welt und einer Lilith, die ihm in allen Belangen überlegen ist, verliert er an Bedeutung, wird obsolet. Am Ende muss sich Adam für eine der beiden Frauen entscheiden und wählt den vermeintlich einfacheren Weg: Eva, jene Frau, die aus seiner Rippe geschaffen wurde, mit der die totale Gleichberechtigung von vornherein ausgeschlossen ist. Lilith bleibt als einzige zurück. Doch sie ist schwanger und trägt – wie Eva – neues Leben in sich. "Sie sind unter uns", sagt Peter Eötvös und meint damit jene selbstbestimmten und –bewussten Frauen, die bis heute in unserer Gesellschaft die Ausnahme darstellen und nicht selten Verstoßene sind. Sie sind die Nachkommen Liliths.

 

Peter Eötvös unterzieht das Paradies einem reboot. Er geht in seiner Oper von zwei gleichberechtigten Paaren (Lucifer/Gott und Adam/Lilith) aus und führt in der Verschiebung der Machtverhältnisse die Keimzelle unserer Gesellschaftsform vor Augen.

 

Lilith erzählt Adam von ihrer Schwangerschaft und fordert ihn auf, Eva zu töten. Adam versucht sich das Leben zu nehmen und schöpft erst wieder Hoffnung, als Eva ihm erzählt, dass sie ein Kind von ihm erwartet. Nun ist er es, der hinter die Spiegel blicken will, und er geht gemeinsam mit Eva. Lucifer kehrt zurück in den Himmel. Übrig bleibt die schwangere Lilith.

 

 


 

 

 

Dieser Text erschien im Programmheft der Neuen Oper Wien zu "PARADISE RELOADED (Lilith)" sowie im WIEN MODERN Katalog 2013.